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Rosa mit Tupfen oder Der verföhnte Tag

Eine Kolumne von Nadine Knobloch

Bild - Rosa mit Tupfen oder Der verföhnte Tag
Und da stand ich nun. Der 1 €-Föhn röhrte in meiner Hand und ich wartete. Darauf, dass das rosa Stück Stoff vor mir endlich trocken wurde, darauf, dass ich noch irgendwas vom Frühstückscatering abbekommen würde und besorgniserregender Weise darauf, dass das Heißluft pustende Billiggerät mir die Finger verbrannte.

Wir waren in einer Bar, die für diesen einen Tag zu einer Studentenbude umfunktioniert worden war. Um mich herum herrschte zu dieser frühen Stunde bereits aufgeregter Trubel. Überall rannten Schauspielschüler-innen wild durcheinander. Ich war eine von ihnen. Wir hatten in dieser Woche Szenendreh und es wurde nicht nur unsere schauspielerische Weiterentwicklung beurteilt, nein, jeder bekam als Teil des Teams eine Aufgabe zugeteilt, die es zu erfüllen galt. Wer zehn Minuten nach Ankunft immer noch keine hatte, wurde zum Technik schleppen verdonnert. So gesehen war ich froh, mit dem Föhn hier an diese Ecke im vorderen Teil der Kneipe gebunden zu sein, denn – seien wir mal ehrlich – wer trägt so früh am Morgen schon gerne Technikkram und kiloschwere Boxen voller Gedöns durch die Gegend…

Trotz Aufbau war die Probe schon voll im Gange, was auch erklärte, warum ich mit eifrigem Föhnen beschäftigt war. Das und die Tatsache, dass meine Mitschülerin ausdrücklich mich mit dieser pikant-verantwortungsvollen Aufgabe betreut haben wollte. „Nadine! Ich brauche die trockene Unterhose!!!“, rief sie da schon aus dem Nebenraum. Also stellte ich den Föhn ab. Plötzlich herrschte eine unglaubliche Ruhe im Raum und mir wurde klar, dass mein Geföhne der Hauptgrund für den morgendlichen Krach war. Als Wäscheständer diente mir ein umgedrehter Barhocker, den ich auf den Tisch gehievt hatte und von eben dessen Beinen schälte ich nun die Unterhose.

Ich lief zum hinteren Teil der Bar, reichte die Unterhose hinein und prompt flog mir ein durchweichtes, identisches Höschen entgegen. Also wieder zurück zu meiner Pseudo-Wäschespinnenattrape und den Föhn auf Stufe 2. Während ich so dastand und mich doch ein ganz klein wenig morgendliche Müdigkeit überkam, fielen mir die schwarzen Punkte auf. Die synthetischen Fasern, aus denen dieses Stück Stoff gemacht wurde, glänzten, je trockener die Unterhose wurde. Silbrig oder weiß oder so ähnlich. Dass Plastik so schimmern kann…fasziniert in dieser Erkenntnis versunken, erschrak ich, als ein „BITTE RUHE! Wir drehen!“ aus dem Nebenraum donnerte. Ich schaltete den Föhn aus und schon ging es nebenan los.

Mein Magen knurrte und ich sah endlich meine Chance auf mein verspätetes Frühstück gekommen, waren doch alle anderen gerade beschäftigt. Auf Zehenspitzen schlich ich einmal quer durch den Raum und manövrierte möglichst lautlos an den Kneipentischen und unserem Gerümpel vorbei. Ich war die Einzige am Catering. Wer schon einmal bei einem Dreh dabei war, weiß, welch ein Glücksgefühl diese scheinbare Belanglosigkeit auslösen kann. Viel war allerdings nicht mehr da: meine Ausbeute bestand aus einer halben, halbtrockenen Semmel (vermutlich vom Vor-Vortag) mit viel zu viel Frischkäse (vermutlich, um von der Trockenheit abzulenken) sowie einer Handvoll Gummibärchen (die Mini-Dinger und ziemlich zäh). Dazu ein unfassbar bitterer Kaffee. Leicht angesäuert, blickte ich in Richtung der anderen, „wie kann man nur so verfressen sein!?“. Mein Groll war in diesem Moment allerdings auch egal, denn wie heißt es so schön: der Hunger treibt s rein.

Ich schlich wieder auf Zehenspitzen in Richtung Raummitte, von wo aus ich ein klein wenig des Geschehens sehen konnte. Zwei Freundinnen. Eine betrunken in der Badewanne. Die andere hörte sich ihr Gejammer an und passte dabei noch auf, dass sie sich nicht noch mehr volllaufen ließ. Die Szene war aus irgendeinem Film, ich konnte aber nicht sagen, aus welchem. „DANKE!“ hallte es aus dem Raum. „NAAADIIIIIIINE!!!“ Ja, ja. Ich schob mir das letzte Stück sag mal ‚Plüschpudding‘-Semmel zwischen die Zähne und hastete zur Unterhose. Wieder hin, wieder eine trockene gegen eine nasse Unterhose getauscht. Wieder föhnen. „NAAAAAAADIIIIIIIIIINEEEEE!“ kreischte es immer wieder. Abermals setzte sich die Wächterin des Schlüpfers und die Gebieterin des Heißluftapparats, also ich, in Bewegung. Und so ging das bis spät nachmittags. Irgendwann wurde ich mutig und schaltete den Föhn schließlich auf seine höchste, glühende Stufe. Dieses Ding konnte mir eigentlich nur noch um die Ohren fliegen.

„Okay, letzte Klappe!“ schallte es aus dem Badewannen-Hinterraum. Mein inneres Ich jubelte. Der Feierabend war absehbar, was hieß, ich konnte mir endlich etwas richtiges zu essen machen, musste mir nicht noch länger die Beine in den Bauch stehen und – was am Wichtigsten war – ich wurde diesen blöden Föhn endlich los. Ein letztes Mal schob ich den Regler des Föhns nach oben und föhnte die letzte nasse Unterhose, was ich einerseits für angemessen hielt, da meine Mitschülerin sonst ein nasses Kleidungsstück durch die halbe Stadt hätte tragen müssen und was mich andererseits vor ähnlichem Geschleppe wie am Morgen bewahrte. „
Bist du fertig mit Föhnen?“ Wie auf Kommando ging der Föhn aus. „Huch!?“ Ich schob den Regler unauffällig ein, zwei Mal von oben nach unten und wieder zurück. Das Ding tat keinen Mucks mehr. Ich steckte vorsichtshalber das Kabel aus. „Ja, fertig.“ Damit holte ich die Unterhose vom Stuhl und legte sie zusammen mit dem Föhn auf den Tisch.
Mein Arbeitstag war somit beendet und während ich zur U-Bahn lief, regte sich in mir kurz der Gedanke, ob „professionelle Verföhnerin mit Praxiserfahrung“ gut auf meinem Lebenslauf aussehen würde.

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