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Fünf Jahre "Freiflug"
Corona all over?
Bernd Hentschel arbeitet seit über 20 Jahren als Fotograf, mit Schwerpunkt auf Bildern von tanzenden Menschen. In der Coronazeit startete er ein Ausstellungsprojekt in der Karlsruher Weststadt, das am 26. April 2026 das fünfjährige Bestehen mit einem kleinen Fest vor Ort feiert. Ab 17 Uhr sprechen Beteiligte über die Ausstellung in diesen fünf Jahren und erinnern sich an eine nicht zuletzt von bizarren Momenten geprägte Zeit, deren Details heute vielfach bereits dem kompletten Vergessen anheim fallen. Musikalisch wird der Nachmittag von Justin Nova begleitet. Klappe Auf unterhielt sich mit dem Fotografen und Initiator des Ausstellungsprojekts.
Wie kam es vor fünf Jahren zur Ausstellung an der Roten Taube?
Bernd Hentschel: Ausgangspunkt war ein kleines konspiratives Treffen zu dritt während des zweiten Lockdowns in der Roten Taube. Wir fanden, dass trotz der Pandemie etwas passieren müsse und betrachteten den langen Zaun entlang des Biergartens der Roten Taube. Die Taube ist ein Vogel, der zur Freiheit strebt, und so planten wir unter dem Titel "Freiflug: Aus dem Käfig auf die Straße" als Kulturschaffende eine Ausstellung, die Woche für Woche um ein Bild wachsen, bis dann der Zaun voll und Spuk vorbei sein sollte. Als alle 15 Plätze von mir mit Bildern belegt waren, war aber leider noch gar nichts vorbei und wir begannen einzelne Bilder auszutauschen und die Schau mutierte zur Wechselausstellung. Nachdem dann Corona endlich doch zu Ende ging, war die zu jeder Tages- und Nachtzeit zugängliche Aktion in der Öffentlichkeit so gut angenommen worden, dass wir einfach dabeiblieben, künstlerische Arbeiten niederschwellig als Kulturbeitrag in den Alltag einzubringen. Um die Ausstellung lebendig zu halten, wechselte ich weiterhin alle ein, zwei Wochen ein Motiv aus.
In wieweit hat sich die Ausstellung während und nach Corona verändert?
Hentschel: Es gab immer drei Schwerpunkte, die ich mal unterschiedlich gewichtet habe: meine Tanzfotografien, Bilder von Musikern, etwa aus dem Jazzclub oder vom Fest in der Günther Klotz Anlage, und dann Stadtlandschaften. Ich habe beim Wechseln manchmal auch Konzepte verfolgt, so dass die Ausstellung mit der Zeit zum Beispiel immer mehr in die Farbe Blau getaucht war. Nur drei Mal kam es zu Bilderzerstörungen. Irgendjemandem erschien eine Tänzerin zu leicht bekleidet, in einem anderen Fall irritierte wohl der russische Name einer belgischen Tänzerin nach dem Überfall auf die Ukraine und provozierte Kommentare, die andere Kommentare herausforderten. Ich habe dieses Bild dann eine Weile zum Meinungsaustausch hängen lassen.
Welche Reaktionen haben Sie auf die Ausstellung erhalten?
Hentschel: Ich wohne selbst gegenüber der Ausstellung und sehe häufig, dass Menschen vor den Bildern stehen bleiben und sich austauschen. Einmal rief mich eine Mitarbeiterin der Staatlichen Kunsthalle an und berichtete, dass die Aufhängung eine Bildes sich gelöst hatte, und sie das mit Kabelbindern wieder gerichtet habe. Erst kürzlich beklagte sich bei mir eine ältere Frau, dass jetzt auf den Sommer hin der Zaun wieder zuwachse und das Laub die schönen Bilder verdecke.
Was hat sich für Sie durch die Pandemie persönlich geändert?
Hentschel: In der Pandemie-Zeit waren für mich 100 Prozent der Aufträge plötzlich weg, das war krass. Ich habe dann intensiv mit einer Tänzerin in einem großen Raum zusammengearbeitet, was eben möglich war, und dabei viel über neue Lichttechniken und die Verbindung von Foto und Bewegung recherchiert und gelernt. Für die Tänzerin waren das dann regelmäßig kleine Auftritte, auf die sie hinarbeiten konnte, so haben wir uns beide gegenseitig motivieren und austauschen können.
Was hat sich Ihrer Einschätzung nach für die Kulturszene in Karlsruhe geändert?
Hentschel: Die ganzen großen Tanzschulen fehlt eine Generation an LehrerInnen, da die damals 18-Jährigen ja nicht mit einer Ausbildung beginnen konnten. Es ist auch viel an Verbindlichkeit verloren gegangen. Bis heute gibt es mehr Absagen, die teilweise sehr, sehr kurzfristig mitgeteilt werden. Auch der Jazzclub berichtet zum Beispiel von einer schwierigen Unplanbarkeit, da der Vorverkauf nicht mehr so genutzt wird, wie das vor der Pandemie gewesen sein soll.
Für nicht wenige hat sich durch Corona der Lebenslauf geändert, da sie in einer künstlerischen Tätigkeit keine verlässliche Zukunft sehen konnten. Aber ich habe auch als Wissenschaftler gearbeitet und unterrichtet und dabei eine ganz andere Beobachtung gemacht. Die Leute habe verlernt, Fragen zu stellen. Das war in den ersten paar Jahre nach der Pandemie sehr schwierig, weil der Unterricht ja von Fragen und Interaktion lebt. Aber in den zurückliegenden online-Begegnungen und -Lehrveranstaltungen sind eben Diskussion, Streit und Nachfragen nur sehr eingeschränkt möglich gewesen.
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Rote Taube
Kriegsstraße 279
seit 26. April 2021 bis 31.Dezember 2026, dann schließt die Rote Taube
Fünfjähriges Bestehen am 26. April 2026, ab 17 Uhr
Wie kam es vor fünf Jahren zur Ausstellung an der Roten Taube?
Bernd Hentschel: Ausgangspunkt war ein kleines konspiratives Treffen zu dritt während des zweiten Lockdowns in der Roten Taube. Wir fanden, dass trotz der Pandemie etwas passieren müsse und betrachteten den langen Zaun entlang des Biergartens der Roten Taube. Die Taube ist ein Vogel, der zur Freiheit strebt, und so planten wir unter dem Titel "Freiflug: Aus dem Käfig auf die Straße" als Kulturschaffende eine Ausstellung, die Woche für Woche um ein Bild wachsen, bis dann der Zaun voll und Spuk vorbei sein sollte. Als alle 15 Plätze von mir mit Bildern belegt waren, war aber leider noch gar nichts vorbei und wir begannen einzelne Bilder auszutauschen und die Schau mutierte zur Wechselausstellung. Nachdem dann Corona endlich doch zu Ende ging, war die zu jeder Tages- und Nachtzeit zugängliche Aktion in der Öffentlichkeit so gut angenommen worden, dass wir einfach dabeiblieben, künstlerische Arbeiten niederschwellig als Kulturbeitrag in den Alltag einzubringen. Um die Ausstellung lebendig zu halten, wechselte ich weiterhin alle ein, zwei Wochen ein Motiv aus.
In wieweit hat sich die Ausstellung während und nach Corona verändert?
Hentschel: Es gab immer drei Schwerpunkte, die ich mal unterschiedlich gewichtet habe: meine Tanzfotografien, Bilder von Musikern, etwa aus dem Jazzclub oder vom Fest in der Günther Klotz Anlage, und dann Stadtlandschaften. Ich habe beim Wechseln manchmal auch Konzepte verfolgt, so dass die Ausstellung mit der Zeit zum Beispiel immer mehr in die Farbe Blau getaucht war. Nur drei Mal kam es zu Bilderzerstörungen. Irgendjemandem erschien eine Tänzerin zu leicht bekleidet, in einem anderen Fall irritierte wohl der russische Name einer belgischen Tänzerin nach dem Überfall auf die Ukraine und provozierte Kommentare, die andere Kommentare herausforderten. Ich habe dieses Bild dann eine Weile zum Meinungsaustausch hängen lassen.
Welche Reaktionen haben Sie auf die Ausstellung erhalten?
Hentschel: Ich wohne selbst gegenüber der Ausstellung und sehe häufig, dass Menschen vor den Bildern stehen bleiben und sich austauschen. Einmal rief mich eine Mitarbeiterin der Staatlichen Kunsthalle an und berichtete, dass die Aufhängung eine Bildes sich gelöst hatte, und sie das mit Kabelbindern wieder gerichtet habe. Erst kürzlich beklagte sich bei mir eine ältere Frau, dass jetzt auf den Sommer hin der Zaun wieder zuwachse und das Laub die schönen Bilder verdecke.
Was hat sich für Sie durch die Pandemie persönlich geändert?
Hentschel: In der Pandemie-Zeit waren für mich 100 Prozent der Aufträge plötzlich weg, das war krass. Ich habe dann intensiv mit einer Tänzerin in einem großen Raum zusammengearbeitet, was eben möglich war, und dabei viel über neue Lichttechniken und die Verbindung von Foto und Bewegung recherchiert und gelernt. Für die Tänzerin waren das dann regelmäßig kleine Auftritte, auf die sie hinarbeiten konnte, so haben wir uns beide gegenseitig motivieren und austauschen können.
Was hat sich Ihrer Einschätzung nach für die Kulturszene in Karlsruhe geändert?
Hentschel: Die ganzen großen Tanzschulen fehlt eine Generation an LehrerInnen, da die damals 18-Jährigen ja nicht mit einer Ausbildung beginnen konnten. Es ist auch viel an Verbindlichkeit verloren gegangen. Bis heute gibt es mehr Absagen, die teilweise sehr, sehr kurzfristig mitgeteilt werden. Auch der Jazzclub berichtet zum Beispiel von einer schwierigen Unplanbarkeit, da der Vorverkauf nicht mehr so genutzt wird, wie das vor der Pandemie gewesen sein soll.
Für nicht wenige hat sich durch Corona der Lebenslauf geändert, da sie in einer künstlerischen Tätigkeit keine verlässliche Zukunft sehen konnten. Aber ich habe auch als Wissenschaftler gearbeitet und unterrichtet und dabei eine ganz andere Beobachtung gemacht. Die Leute habe verlernt, Fragen zu stellen. Das war in den ersten paar Jahre nach der Pandemie sehr schwierig, weil der Unterricht ja von Fragen und Interaktion lebt. Aber in den zurückliegenden online-Begegnungen und -Lehrveranstaltungen sind eben Diskussion, Streit und Nachfragen nur sehr eingeschränkt möglich gewesen.
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Rote Taube
Kriegsstraße 279
seit 26. April 2021 bis 31.Dezember 2026, dann schließt die Rote Taube
Fünfjähriges Bestehen am 26. April 2026, ab 17 Uhr



