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Archiv: 06.2010
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Hauptschule ist das Gymnasium

Modelle und Moden

Bild - Hauptschule ist das Gymnasium
(Artikel aus Juni 2010) In Karlsruhe tobt ein erbitterter Kampf um eine Reform des Schulsystems / Werkrealschulen sind für Bürgermeister Martin Lenz bereits heute ein Auslaufmodell


Nach den Sommerferien beginnt in Karlsruhe eine neue schulpolitische Ära: Und zwar die der Werkrealschulen. An insgesamt elf Standorten gibt es dann die Werkrealschulen, an denen begabte Hauptschüler in einem freiwilligen zehnten Schuljahr die mittlere Reife erlangen können. Mit der Initiierung dieser elf Schulen werden aber auch fünf Karlsruher Hauptschulen dichtgemacht, weitere fünf fungieren lediglich als Außenstandorte der Werkrealschulen. Und zum Ende des Schuljahres 2013/14 schließen weitere vier Hauptschulen im Karlsruher Stadtgebiet ihre Pforten.

Das kommt nicht überraschend, denn der Grund für die Initiative des Kultusministeriums Baden-Württemberg waren die sich im Sinkflug befindenden Übergangszahlen auf die Hauptschule. Gerade in der Fächerstadt gab es an manchen Hauptschulen kaum noch genügend Anmeldungen, um eine eigene Klasse zu rechtfertigen.
Was ändert sich nun aber mit dem neuen Konzept´ Zunächst einmal recht wenig, befürchtet Bürgermeister Martin Lenz. „Seien wir mal ehrlich. Die Werkrealschulen sind immer noch Hauptschulen“, sagt Schuldezernent Lenz. Er selbst kam zu den Werkrealschulen wie die Jungfrau zum Kind, an seinem ersten Arbeitstag als Bürgermeister im Rathaus flatterte ihm um 11 Uhr der Beschluss auf den Schreibtisch. Seither hat sich Lenz in die Materie eingearbeitet und findet kritische Worte bezüglich der Reform. Sorgen bereitet den Verantwortlichen vor allem eines: Den Werkrealschulen fehlt der nötige Zulauf. Und wenn am Ende aus bisher 26 Hauptschulstandorten nur fünf oder sechs neue Werkrealschulzentren übrig bleiben, ist die wichtige Wohnortnähe nicht mehr gewährleistet. Wo aber zieht es all die Schüler hin´ Zunächst einmal in andere Schulen. Vor allem ins Gymnasium. In Karlsruhe haben sich die Übergangszahlen von Grundschule aufs Gymnasium seit einigen Jahren bei knapp 53 Prozent eingependelt, Tendenz steigend. Lediglich weitere badische Universitätsstädte wie Freiburg (54 Prozent) und Heidelberg (58 Prozent) können diesen Wert noch toppen.

„Das Gymnasium ist schon lange unsere eigentliche Hauptschule“, spöttelt auch Lenz. Denn auf die Hauptschule wechselte im Schuljahr 2009/10 mit 19 Prozent noch nicht einmal jeder fünfte Schüler. Und viele Eltern überlegen sich wegen der unbefriedigenden Situation ganz genau, auf welche Lehranstalt sie ihren Nachwuchs schicken sollen. An den Stadträndern werden schon länger die so genannten „Bildungsflüchtlinge“ registriert. Kinder aus Daxlanden gehen in Rheinstetten auf die Schule, Jugendliche aus Hagsfeld nach Blankenloch und den Nachwuchs aus den Bergdörfern zieht es nach Langensteinbach.

Die Karlsruher Hauptschulen bluten aus und mit ihr die vom Kultusministerium mit großem Pipapo als Reform angekündigte Werkrealschule. Die ist für Lenz ohnehin nur „eine Übergangslösung für die kommenden Jahre.“ Ein Zug, auf den die Stadt Karlsruhe zwar aufspringen musste, dessen Endstation jedoch bereits in Bälde erreicht sei. Und dann´ „Wir brauchen neue Schulformen“, fordert Lenz ein Umdenken in der Bildungspolitik.

Wie diese allerdings aussehen sollen, darüber scheiden sich seit Jahren die Geister. Ist eine Trennung der Kinder nach der vierten Klasse noch zeitgemäß, brauchen wir drei verschiedene Schultypen oder ist der Status Quo gerade fürs Musterländle die einzig sinnvolle Option´ Fragen, über die gerade in jüngster Zeit mit großem Enthusiasmus diskutiert wurde. Dabei war man sich in Karlsruhe eigentlich schon einig, schulpolitisches Neuland zu betreten.

In der Südstadt-Ost sollte eine Modellschule mit längerem gemeinsamem Lernen nach skandinavischem Vorbild initiiert werden. In dieser Schule bleiben die Kinder bis zur Klasse zehn zusammen, danach können begabte Schüler das Abitur ablegen. Behinderte und Nicht-Behinderte, starke und schwache Schüler, Kinder aus bildungsfernen und bildungsnahen Familien – alle werden individuell gefördert und jeder soll von den Qualitäten der Anderen profitieren. In der Fächerstadt standen Kommunalpolitik und Rathaus einhellig hinter diesem Schulversuch. Doch das von den Grünen seit 2005 vorangetriebene Bildungs-Utopia scheiterte 2008 an einem klaren „Nein“ des damaligen Kultusministers Helmut Rau, der mit dem Karlsruher Antrag auch 60 weitere Anfragen für Modellschulen im Land einfach so vom Tisch wischte.

Seither schlagen die Wellen der Entrüstung hoch. Anne Segor, schulpolitische Sprecherin der Grünen-Gemeinderatsfraktion, spricht heute noch von „fadenscheinigen Argumenten“. Denn Kampf um den Schulversuch aufgeben kam für die Grünen allerdings nicht in Frage. Und nach der Ablösung Raus durch die neue Kultusministerin Marion Schick keimt bei den Befürwortern auch wieder ein zartes Pflänzchen Hoffnung. Im Frühjahr glich Karlsruhe geradezu einem Eldorado an bildungspolitischen Reformveranstaltungen. Es gelte durch „Druck von allen Seiten“ in die „verhagelte Kultusbürokratie“ einzudringen, so Segor.

Grüne und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) werben mit prominenten Gastrednern wie dem Reformpädagogen Peter Fratton für ihr gemeinsames Ziel. Fratton hat im schweizerischen Romanshorn mit dem dortigen „Haus des Lernens“ eine im deutschsprachigen Raum viel beachtete Schule ins Leben gerufen, die seit 30 Jahren als moderner Leuchtturm in einer sonst verkrusteten Schullandschaft gilt.
Doch bei aller Euphorie über ihr Vorhaben:

Auch die Verfechter der Modellschule können die Schwächen des Versuchsmodell nicht verleugnen. Zum einen bedeutet „skandinavisches Modell“ eine an den skandinavischen Bedürfnissen ausgerichtete Schulform. Und in den wenig besiedelten Gegenden der finnischen Seenplatte oder den schwedischen Wäldern gibt es gar keine andere Möglichkeit, als alle schulpflichtigen Kinder gemeinsam in eine Lehranstalt zu stecken. In den Ballungsräumen der Bundesrepublik können die vielen Jugendlichen auch auf mehrere Schulformen verteilt werden. Ein weiteres Argument der Befürworter ist die soziale Gerechtigkeit. Kinder aus sozial schwächer gestellten Familien hätten im jetzigen dreigliedrigen Schulsystem mit Trennung nach Klasse vier erwiesenermaßen schlechtere Chancen. Das ist richtig.

Jedoch verschweigen die Unterstützer des Schulmodells allzu gerne, dass bei der Einschulung mit sechs Jahren oftmals das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Die bis dahin entstandenen Defizite im Bereich der Sprachforderung lassen sich auch durch gemeinsames Lernen nicht mehr aufholen. Soziale Gerechtigkeit und gemeinsames Lernen müssten also bereits viel früher, nämlich im Kindergarten und den Kindertagesstätten beginnen.


Von den Diskussionen in Karlsruhe zeigt sich Kultusministerin Schick ohnehin wenig beeindruckt. Renate Rastätter, bildungspolitische Sprecherin der Landtags-Grünen zeigt sich bereits enttäuscht vom mangelnden Reformwillen der neuen Schul-Chefin.

„Marion Schick hat gesagt, das gemeinsame Lernen werde total überbewertet“, sagt Rastätter. Noch wolle sie zwar kein endgültiges Urteil über Schick fällen, schließlich sei deren Aufgabe am Anfang auch das hiesige Bildungssystem als „wunderbar“ zu loben. „Aber sie muss erkennen, dass lediglich Feinjustierungen nicht mehr ausreichen“, fordert Rastätter. In die gleiche Kerbe hieb bereits Christiane Staab. Die langjährige Vorsitzende des Landeselternbeirats trat von diesem Posten wegen der schwelenden Differenzen mit dem Kultusministerium zurück. „Es wird nur noch reagiert und nicht mehr agiert“, war für die Karlsruher CDU-Stadträtin Staab einer der Gründe, das Handtuch zu werfen. In diesem Punkt ist sich Lenz mit der ehemaligen Landeselternbeiratschefin einig. Allerdings will der Schulbürgermeister der neuen Kultuschefin noch ein wenig Zeit geben, im Rahmen einer Städtetagskonferenz habe er sich schon mit Schick unterhalten. Nun hofft er, dass sich Schick bis zur Landtagswahl 2011 ein eigenes Profil zulege und auch mit neuen Ideen fürs Schulsystem im Land in den Wahlkampf ziehe.

Wenn da die Hoffung nicht trübt: Denn landesweit steigt die Zahl der Übergänge ins Gymnasium seit 1982 zwar ebenfalls an, doch mit 40 Prozent Gymnasiasten, 34 Prozent Realschülern und knapp 25 Prozent Hauptschülern halten sich hier die Zahlen einigermaßen die Waage. Und kurioserweise lehnen jedes Jahr zahlreiche Eltern die Gymnasialempfehlung für ihre Kinder ab und stecken diese stattdessen lieber in die Realschule.

Außerdem könnte die Elternschaft zum großen Hindernis vieler Reformpläne werden, befürchtet Lenz: „Viele wehren sich gegen jegliche Formen des längeren gemeinsamen Lernens.“

Die Kritiker befürchten - nicht unbegründet -, dass die eine Hälfte der Schüler permanent unter-. die andere Hälfte permanent überfordert ist und somit der Frust ein Dauerzustand wird. Statt Begabungen und Neigungen zu fördern, würden sie schlicht eingeebnet und das Niveau somit in unverantwortlicherweise gesenkt würde.

Die Folge eines überbordenden Reformeifer wären seiner Meinung nach gravierend: Eltern, die es sich leisten könnte, würden ihre Kinder verstärkt in Privatschulen stecken und das Auseinandertriften der Schülerschaft zusätzlich befeuern.

In Karlsruhe setzten die Verantwortlichen deswegen auf den Dialog mit den Erziehungsberechtigten. „Schule wird mehr und mehr zur kommunalen Aufgabe und da müssen die Eltern mit eingebunden werden“, sagt Lenz. Er will die Wünsche von allen Karlsruher Eltern erfassen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Welche Schultypen sind die beliebtesten, wohin zieht es die Hauptschüler von heute, wo werden Ganztagesschulen benötigt´ Gerade letztere Frage könnte sich als zukunftsweisend erweisen, meint Lenz. „Wir müssen da ganz genau hinsehen, was die Eltern in den einzelnen Stadtteilen da wollen. Eine Ganztagesschule, einen Hort´ Und was ist mit der Ferienbetreuung´“, fragt Lenz.

Das achtjährige Gymnasium mit seinem dichtgepackten Stundenplan komme zwar einer Ganztagesschule bereits sehr nahe, doch vor allem im Bereich der Grund- und Werkrealschulen gebe es noch Justierungsbedarf. Sonst drohen Szenarien wie bei der Uhlandschule, wo es für das Ganztagesangebot keine ausreichende Resonanz gab. Dort wurde laut Lenz dann einfach so „eine Million Euro versenkt.“ -eki


Vorwort zum Thema in dieser Ausgabe von Seite 3:


Länger gemeinsam langweilen
> Pisa hin oder her - ganz so schlecht, wie einige sagen, kann unser Schul- und Ausbildungssystem nicht sein. Schließlich sind wir jahrelang, ohne nenneswerte Bodenschätze, Exportweltmeister gewesen - aktuell immerhin Vize. Natürlich ist einiges faul: häufige Unterrichtsausfälle und Klassen von über 30 Schülern sind eine Katastrophe. Ein skandalöses Armutszeugnis muss man Deutschland auch dafür ausstellen, dass die Bildungsqualität der Kinder stark von der sozialen Situation der Eltern abhängt. Da könnten Ganztagsschulen mit Hausaufgabenbetreung von Vorteil sein.
Wer jedoch alle Schulkinder bis zur zehnten Klasse gemeinsam unterrichten will, der leugnet die unteschiedlichen Begabungen und Neigungen. Der will nicht fördern, sondern frusten. Denn vermutlich ist dann die eine Hälfte der Schüler permanent unter-, die andere überfordert.

Schulmodelle anderer Länder lassen sich nicht so einfach übertragen, denn die Anforderungen und Rahmenbedingungen sind doch sehr unterschiedlich. Außerdem - wenn die oben aufgeführten gravierenden Mängel beseitigt würden, wäre jede Schulmodelldiskussion letztendlich zweitrangig.

Dass die Bildung unser einziges Kapital ist, weiß zwar mittlerweile jeder. Doch hindert dies einige nicht daran, auch hier gnadenlos Gelder zu streichen, um sie dann allerdings großzügig an das Hotelgewerbe zu verschenken. Das ist schizophren.