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300 Jahre Karlsruher Theater

 
Auf dem Weg zum Wohnzimmer für Karlsruhe 
 
Am 13. Januar 1719 wurde das Hoftheater im Karlsruher Schloss eröffnet, vier Jahre nach der Stadtgründung also das Theater eingeweiht, das seither fast ununterbrochen und heute als Badisches Staatstheater mit Oper, Konzert, Ballett und Schauspiel die Stadtgesellschaft begleitet. Eine Geburtstagsfeier bei Kaffee und Kuchen mit Konzert und bedeutsamen Reden soll am 13. Januar ab 15 Uhr an dieses Ereignis erinnern. Klappe Auf unterhielt sich mit Intendant Peter Spuhler
 
 
Was ist das für ein Gefühl einer 300 Jahre alten Institution vorzustehen? 
 
Peter Spuhler: Das ist ein sehr, sehr, schönes Gefühl, denn ich finde, Tradition ist ungeheuer wichtig. Das mag aus dem Mund von jemand, der für einen modernen Zugang zur Kunst steht, ungewöhnlich klingen. Aber die Auseinandersetzung mit der Tradition bedeutet für mich Verankerung, Wertschätzung und Kontinuität. Für mich ist es von großer Bedeutung, die Geschichte eines Hauses zu kennen und genau zu analysieren, herauszufinden, was die Highlights waren und auf welche Stärken man bauen muss. 
 
Von Zukunft heißt der aktuelle Spielplan. Was lässt sich aus der Tradition in die Zukunft nehmen? 
 
Spuhler: Lassen sie mich zwei Dinge aus der älteren und eines aus der jüngeren Geschichte herausgreifen. Unter dem Theaterleiter Eduard Devrient wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in Karlsruhe der Regieberuf erfunden. Außerdem war Karlsruhe von Felix Mottl über Hermann Levi bis zu Josef Krips und Joseph Keilberth seit jeher ein Ort bedeutender Dirigenten, die sich sämtlich bemühten jeweils aktuelles Musiktheater und zeitgenössische Kompositionen auf die Bühne zu bringen. Das sind Traditionen, auf die wir hier tunlichst bauen sollten. Auch wenn man erkennt, dass die Händel-Festspiele für Karlsruhe eine Marke und Aushängeschild sind, sollte man als Theaterleiter jetzt nicht zum Beispiel ein Telemann-Festival erfinden. 
 
Das Badische Staatstheater steht vor seinem größten Umbau seit den 70er Jahren. Was ist der bedeutendste Zugewinn, den Sie sich vom Erweiterungsbau erhoffen? 
 
Spuhler: In wohl kaum einer anderen Stadt sind Stadt- und Theatergeschichte so eng miteinander verknüpft wie in Karlsruhe, wo das Theater schon mit der Stadtgründung 1715 mitgedacht war. 1717 wurde das Schloss gebaut und 1719 das Theater eröffnet. Ein Kennzeichen des Karlsruher Theaters war, dass die Bauten von Anfang an sehr groß waren. Der Weinbrenner-Bau etwa verfügte über 1.800 Plätze zu einer Zeit, da Karlsruhe nur etwa 10.000 Einwohner hatte. Das bedeutet, dass das Theater nicht nur für den Hof, sondern ein Theater für die Bevölkerung war. Auch unsere Erweiterung steht für die Öffnung für alle. Mit einem einladenden Äußeren wollen wir zu einem Wohnzimmer für Karlsruhe und die Region werden. 
 
Das Badische Staatstheater versucht seit Jahren ein junges und studentisches Publikum zu generieren. Wie erfolgreich sind Sie dabei? 
 
Spuhler: Eine umfangreiche Besucherstudie hat bewiesen, dass wir uns deutlich verjüngt haben, woran sicherlich auch das Junge Staatstheater einen großen Anteil hat. Das ist wichtig, um die Institution in die Zukunft tragen zu können. Für uns ist es wichtig, alle Altersgruppen anzusprechen. Wir sind kein Theater für Eliten, momentan erreichen wir buchstäblich alle, außer den Menschen mit migrantischer Herkunft. Durch die Unterstützung der Bundeskulturstiftung haben wir für vier Jahre eine Fachkraft, die helfen soll, uns in Bezug auf Personal, Programm und Publikum in Zukunft diverser aufzustellen. 
 
Seit dieser Spielzeit ist das Badische Staatstheater mit Spartenleiterinnen in Schauspiel, Oper, Volkstheater und Ballett deutlich weiblicher geworden. Inwieweit hat sich dabei das Klima im Haus geändert? 
 
Spuhler: Ich genieße es sehr, dass wir hier sehr inhaltsorientiert arbeiten können. Im Zentrum steht die Frage, welche Ziele und welche Atmosphäre wollen wir gemeinsam schaffen. Die Gesprächsführung ist eher umarmend als auf Durchsetzung ausgerichtet. Wohl typisch männliche Statuskämpfe scheint mit der weiblichen Führungsriege verschwunden zu sein.  
 
Lange Zeit war die Oper das bestausgelastete Flaggschiff des Badischen Staatstheaters. Unter Ihrer Leitung ist es gelungen, das vormals immer wieder in der Kritik stehende und bisweilen dümpelnde Schauspiel zur Blüte zu bringen. Nun schwächelt gerade die Oper. Was wollen Sie dagegen tun? 
 
Spuhler: Wir haben gerade eine Auszeichnung für das beste Opernprogramm, den Faust für die beste Inszenierung des Jahres und zwei Nominierungen für die Opern Awards erhalten und die Oper als wichtigste Sparte unseres Hauses nicht zuletzt durch Kooperationen europäisch ganz neu verankert. Trotzdem sind wir auch von dem bundesweiten demografischen Problem betroffen, dass der Oper das Publikum wegstirbt. Wir müssen große Anstrengungen unternehmen, der Oper ein neues Publikum zu gewinnen. Da spielen Kinder- und Jugendoper sicher eine Rolle, aber auch ein neuer Schwerpunkt in der Kombination von Oper und Medienkunst, wie wir ihn gerade mit „Das schlaue Füchslein“ beginnen, scheint für Karlsruhe ein passender Ansatz. 
 
Inwieweit glauben Sie Stimmung, Atmosphäre und Betrieb während einer jahrzehntlangen Bauzeit bei Laune halten zu können? 
 
Spuhler: Da wird es sicherlich Höhen und Tiefen geben. Man muss bedenken, dass viele Mitarbeiter, die heute am Haus sind, den fertigen Bau garnicht mehr hier erleben werden. Da müssen viele die Zähne zusammenbeißen, genauso wie viele Zuschauer. Aber wir müssen viel darüber reden, was kommt, und einen genauen Plan haben, wie dieser schöne und kluge Entwurf der Wiener Architekten Delugan Meissl ohne Beschädigungen realisiert werden kann. Ich bin mir ganz sicher, dass wenn wir erst einmal das fertige Gebäude haben, die Architektur die Menschen begeistern und die ganze Gegend hier aufwerten wird.