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Neue Schauspieldirektorin setzt auf Frauenpower

 
Anna, Nora, Hedda und ihre Schwestern 
 
Wenn mit dem Theaterfest am 15. September die Ferien des Badischen Staatstheaters enden, übernimmt mit Anna Bergmann erstmals eine Frau die Position der Schauspieldirektorin am Hermann-Levi-Platz. Während Frank Castorf (deutscher Regisseur und ehemaliger Intendant der Volksbühne Berlin), dessen verplempertes Erbe kürzlich von schier der gesamten Theaterwelt lauthals betrauert wurde, sich gerade erst abschätzig über Regisseurinnen am Theater äußerte, setzt Bergmann in ihrer Auftaktspielzeit ganz auf „Female Power“ auf dem Regiestuhl. In ihrer ersten Premiere „Nora, Hedda und ihre Schwestern“, mit der sich Bergmann als inszenierende Schauspieldirektorin am 30. September offiziell vorstellt, vereint sie auf der Bühne zudem gleich drei starke Figuren aus dem Werk des norwegischen Frauenverstehers Henrik Ibsen als exemplarische Rollenmodelle. Klappe Auf sprach mit der 1978 geborenen Theaterfrau. 
 
 
In einem Interview verglich Frank Castorf das Theater mit dem Fußballfeld. Es gebe nun mal Männerfußball und Frauenfußball, und die Qualität des Spieles unterscheide sich schon sehr. Ihn interessiere Frauenfußball nicht. Sie setzen in ihrem ersten Jahr als Schauspieldirektorin am Badischen Staatstheater ausschließlich auf Regisseurinnen. Muss sich das Karlsruher Publikum nun auf zumindest eine Spielzeit uninteressanten Theaters einstellen? 
 
Anna Bergmann: (lacht) Wenn es nach Castorf geht, wird das wohl so sein. Aber wenn man die Leistungen der Männerfußballmannschaft in Russland anschaut, wird es für die Frauen wohl ein Leichtes, besser zu sein. Ich verspreche mir in der kommenden Spielzeit jedenfalls inspirierendes, spannendes Theater, bei dem es viel zu Schauen gibt. 
 
Was machen Frauen am Theater anders als Männer, oder machen sie überhaupt etwas anders? 
 
Bergmann: Wenn ich von mir ausgehe, kann ich sagen, dass ich auf die Bedürfnisse der Schauspieler und einen sehr guten Umgangston achte. Das war nicht bei allen Regisseuren immer so und ist daher derzeit in der Theaterwelt ein großes Thema. Vor allem aber glaube ich, dass Frauen einen anderen Blick als Männer auf die Dinge haben. Dabei ist es vollkommener Quatsch, den einen qualitativ besser als den anderen zu finden. Letztendlich müssen die Zuschauer entscheiden, ob sie gutes oder schlechtes Theater gesehen haben. 
 
Sie kennen Karlsruhe und sein Theater bereits durch wiederholte Inszenierungen. Dabei gab es mal Lob, mal Kritik. Wie haben Sie das Karlsruher Publikum bisher wahrgenommen? 
 
Bergmann: Nach meinen Inszenierungen von Tschechows „Drei Schwestern“ und Puccinis „La Bohème“ habe ich den Eindruck dass es hier zwei sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen gibt. Anders als das Opernpublikum sind die Besucher des Schauspiels viel offener und gewohnt, sich mit unterschiedlichen Regiestilen auseinanderzusetzen. Dabei beweisen sie aber auch viel Geschmack und Qualitätsbewusstsein. 
 
Die Süddeutsche Zeitung nannte Sie einmal „das explodierende Fräuleinwunder des deutschen Theaterbetriebs“ und tatsächlich waren Sie als freie Regisseurin an den renommiertesten Häusern viel beschäftigt. Was vor allem hat für Sie den Ausschlag gegeben, eine feste Stelle als Schauspieldirektorin anzunehmen? 
 
Bergmann: Ich übe diesen Beruf seit fast 15 Jahren aus und habe gemerkt, dass es für mich an der Zeit ist, mit einer festen Compagnie zu arbeiten, die sich entwickeln kann und einen festen Zusammenhalt hat. Ich spüre aber auch eine grosse Lust, gesellschaftspolitisch aktiv zu sein, und als Schauspieldirektorin kann ich etwas bewirken. Es gibt im Theater immer noch viel zu wenig Frauen in Leitungspositionen. Außerdem ist es zwar schön, immer unterwegs zu sein und herumzureisen, aber ich habe einen kleinen Sohn, und für Kinder ist es wahnsinnig anstrengend, in immer neue Zusammenhänge zu geraten. 
 
Die Stoffe, mit denen Sie sich in der Vergangenheit beschäftigten waren äußerst vielfältig. Was muss ein Stück haben, dass es sie reizt und auf den Spielplan kommt?  
 
Bergmann: Ich probe gerade „Nora, Hedda und ihre Schwestern“ nach Henrik Ibsen, das drei starke Frauenbilder von den 50er Jahren bis in die Jetztzeit vereint. Das hat eine große Kraft, bietet tolle Figuren und ist für die Schauspieler ein Fest, so etwas interessiert mich schon sehr. Im Allgemeinen ist es die Mischung aus der Geschichte, aus dem, was uns heute daran berührt, der besonderen Sprache, mit der wir es im Theater zu tun haben, und der Möglichkeit, die Zuschauer in eine andere Welt mitzunehmen, die den Ausschlag für die Stückauswahl gibt. Nicht jedes Stück ist für jeden Zuschauer. Es geht mir darum, möglichst viele Menschen mit unterschiedlichen Themen und Stoffen anzusprechen, denn auch wenn ich selbst inszeniere, ist Theater für mich kein Selbstzweck. 
 
Das Digitale ist mittlerweile mit Projekten wie „Stage Your City“ auch im Badischen Staatstheater angekommen. Welche Chancen sehen Sie im Umgang mit Virtual Reality und Co? 
 
Bergmann: Wir machen Theater mit echten Menschen. Ich finde Videokunst total gut und setze sie gerne ein, wenn sie einen Mehrwert bringt. Das Digitale an sich interessiert mich überhaupt nicht. Mir muss als Schauspieldirektorin auch nicht alles gefallen, aber ich muss es vertreten können, denn wenn wir was machen, muss es von allem das Beste sein.