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Gute Kunst leuchtet an ihrem Ort

Bild - Gute Kunst leuchtet an ihrem Ort
Stefanie Patruno, die neue Leiterin der Städtischen Galerie Karlsruhe, war nach ihrem Heidelberger Studienabschluss der Kunstgeschichte zunächst an der Kunsthalle Mannheim tätig und seit 2016 stellvertretende Direktorin des Instituts Mathildenhöhe Darmstadt. Mit Klappe Auf sprach sie über die Bedeutung des Originals und ihre Pläne für das Museum.

Gerade wurde mit den Fotografien von Elsa & Johanna die erste von Ihnen für Ihre neue Wirkungsstätte kuratierte Ausstellung eröffnet. Was fasziniert Sie an dem jungen Künstlerinnenduo?

Als ich 2019 auf der Messe Paris Photo im Grand Palais, am Ende meines Rundgangs mit sehr vielen Eindrücken, eine Arbeit aus annähernd 50 Fotografien der beiden sah, war es wie ein plötzliches Aufwachen: endlich eine Fotoarbeit, die ganz im Hier und Heute ist. Die Fotos, die sich mit sozialer, geschlechtlicher und kultureller Identität auseinandersetzen, blieben mir im Gedächtnis. Ihre Aktualität, ihr Überraschungsmoment – erst im Sehprozess wird deutlich, dass immer dieselben Frauen, die Künstlerinnen selbst, abgebildet sind – und die hohe Qualität haben mich tief beeindruckt. Die Karlsruher Ausstellung ist die erste Soloshow von Elsa & Johanna in Deutschland. Sie bietet einen spannenden Dialog mit den historischen Porträt- und Modefotografien von Hermann Landshoff, die wir im Erdgeschoss zeigen. Ich möchte der Fotografie und der Gegenwartskunst einen festen Platz einräumen und die Städtische Galerie zu einem Produktionsort machen. Elsa & Johanna haben in einer kleinen Gemeinde nahe Emden eine 30-teilige Fotoserie eigens für Karlsruhe geschaffen, die als Work in Progress weitergehen wird.

Sie haben wissenschaftlich ein weites Spektrum bearbeitet, welche Kunst berührt Sie?

Neben dem analytischen Betrachten von Kunstwerken braucht es einen überraschenden oder emotional anrührenden Moment in der Annäherung. Die individuelle Begegnung mit einem Werk braucht Zeit und Raum, der physische Dialog mit der Kunst ist nicht ersetzbar. Ein Original transportiert über Jahrhunderte hinweg Emotionen, so erlebe ich es selbst immer wieder. Gute Kunst leuchtet an ihrem Ort, das kann – meine Highlights – das Gemälde „Der Tod des Marat“ von Jacques-Louis David sein, die Installation „Crystal of Resistance“ von Thomas Hirschhorn für den Schweizer Pavillon in Venedig 2011 als gesellschaftskritische Zustandsaufnahme oder die byzantinischen Fresken im Kloster von Sopocani.

Kann Kunst in die Gesellschaft wirken und deren Nachdenken über sich selbst befördern?

Unbedingt! Dafür braucht es die Kunst, und darum liegt mein Fokus auf der Gegenwartskunst, die aktuelle Fragen aufgreift. Ein Museum kann ein öffentlicher Raum sein, in dem ohne Scheuklappen auch kontroverse Themen dargestellt werden.

Welche Bedeutung hat die Kunstvermittlung?

Kunstvermittlung ist ein wichtiges Standbein. Wir haben einen kulturellen Bildungsauftrag und bieten ein breites Angebot für alle Altersstufen, für die Vielfalt der Persönlichkeiten und Interessen an. Wir sind als Städtische Galerie dabei, zielgruppenspezifische Angebote zu entwickeln, das können Kurzführungen mit Drinks und DJ in den Abendstunden für junge Erwachsene sein oder Kunstdialoge am Nachmittag.

Welche Rolle kommt dem Digitalen zu?

Der digitale Raum ist heute nicht mehr wegzudenken, man muss das Analoge und Digitale als Gesamtkonzept sehen. Die digitale Tür, die Website, ist der erste Anlaufort für einen Museumsbesuch, hinterher bietet er zum Beispiel vertiefte Information über einen ausgestellten Künstler. Digital lässt sich ein Publikum erreichen, das nicht am Ausstellungsort sein kann, und es können Themen aufgegriffen werden, die sich nicht analog gestalten lassen. Im Wesentlichen aber sehe ich das Digitale als ein Davor und Danach des physischen Museumsbesuchs.

Wie möchten Sie den gewachsenen Bestand der Städtischen Galerie weiterentwickeln?

Als kommunales Museum beherbergen wir knapp 20.000 Werke. Die umfangreiche Sammlung wird seit 25 Jahren durch die Dauerleihgabe der Sammlung Garnatz bereichert und reicht in die Gegenwart hinein. Ich möchte den Schwerpunkt regionaler süddeutscher Kunstschaffender und Akademielehrer ausweiten und auch junge Kunstproduzentinnen und -produzenten einbeziehen. Darüber hinaus möchte ich Dialoge herstellen und den Blick ins Internationale weiten, Landes- und Gattungsgrenzen gibt es, was die Gegenwartskunst angeht, nicht mehr.


Welchen Part wünschen Sie sich für die Städtische Galerie innerhalb der Stadt?

Ich fühle mich pudelwohl in Karlsruhe, es gibt hier ein großes, tolles Netzwerk der Kulturschaffenden, das schätze ich sehr. Die Synergie durch Kooperation von Museen und Institutionen, Kunst- und Kulturzentren möchte ich nutzen. Es gibt in Deutschland kaum ein andere Stadt gleicher Größe mit solch einer hohen Dichte an Kunst- und HfG-Studierenden, auch das macht die Stadt und ihre Möglichkeiten spannend. afr










Städtische Galerie Karlsruhe

Lorenzstr. 27

76135 Karlsruhe

0721 / 1334401

| Infos

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