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Meine Freunde, die Türken

 
Nein, ich habe keine türkischen Freunde, bislang allerdings auch keine türkischen Feinde. Aber ich habe mir halt gedacht, eine solche Überschrift könnte eher zum Lesen des Artikels animieren als eine Überschrift, in der der Name „Erdogan“ vorkommt. Der Beinahe-Alleinherrscher der Türkei hat was die Medienpräsenz angeht, in den letzten Wochen selbst Donald Trump in den Schatten gestellt – und das will was heißen. Das hat allerdings zur Folge, dass man seine Visage nicht mehr sehen, sein heißeres Gebell nicht mehr hören mag. Außerdem sind schon viele kluge Sachen (auch manche weniger kluge) über das Rumpelstilzchen vom Bosporus geschrieben und gesagt worden.  
 
Eines muss ihm der Neid lassen: Er will die Aufmerksamkeit der Welt und er bekommt sie, nicht zuletzt dank der vielen Türken, die außerhalb der Türkei leben und trotzdem wahlberechtigt sind. Das heißt: Sie bestimmen mit über Verhältnisse, unter denen sie nicht leben müssen. Eine seltsamer Umstand ebenso wie die Tatsache, dass sich ein erstaunlich großer Teil der Deutschtürken mit einem Staat identifizieren, den sie bzw. Ihre Eltern oder Großeltern verlassen haben , weil es in Deutschland mehr Geld zu verdienen und bessere Zukunftsaussichten gab. Daran hat sich eigentlich nichts geändert, zumal in Zeiten, in denen Deutschland wirtschaftlich glänzend dasteht, während Erdogan gerade dabei ist mit seiner abschreckenden Art, die Türkei nach außen hin zu repräsentieren und im Inneren zu regieren, die Wirtschaft seines Landes,die er zwischenzeitlich mächtig angekubelt hat, gegen die Wand zu fahren. Aber sei´s drum, sie jubeln ihm zu und seinen Getreuen, die gerade Werbung für die völlige Abschaffung der Demokratie machen und dabei die Grenzen der Duldsamkeit demokratischer europäischer Staaten ausloten.  
 
Immer wieder ist dabei von den Erdogan-Anhängern selbst oder von verständnisvollen Kommentatoren zu hören, die deutsche Gesellschaft habe diesen Menschen gegenüber nicht genügend Respekt und Verständnis gezeigt, Eine derart kitschige, verlogene, sozialromantische Auffassung vom Zusammenleben in einer freien, demokratischen, säkulären Gesellschaft ist am besten im „Wort zum Sonntag“ aufgehoben, ansonsten gilt: Niemand ist dazu verpflichtet, seine Mitmenschen zu mögen oder gar zu lieben, selbst respektieren scheint mir schon ein zu starkes und zu forderndes Wort. Leben und leben lassen – das ist das Motto einer offenen Gesellschaft.  
Mein Nachbar mit Migrationshintergrund ist mir in den Regel so herzlich egal wie der Nachbar ohne Migrationshintergrund, aber weil dem so ist, würde ich nie auf die Idee kommen, ihm Böses zu wollen, ihm übel nachzureden. Es ist der weithin unterschätzte und immer wieder in Misskredit gebrachte Vorteil weitgehend urbaner Gemeinschaften, dass sich deren Mitglieder nicht in das Leben der anderen einmischen. Das heißt, die Türken in unserem Land haben kein Anrecht auf eine besonderes emotionales Entgegenkommen. Wenn sie ihrer Arbeit nachgehen, dann tun sie das, um ihren eigenen Wohlstand zu mehren und nicht das bundesdeutsche Bruttosozialprodukt (das ergibt sich so nebenbei). Dankbezeigungen dafür, von wem auch immer, sind überflüssig.  
 
Wenn ihre Kinder entsprechende Leistungen in der Schule erbringen, dann können sie selbstverständlich Abitur machen und studieren. Wer sollte sie daran hindern?.  
Aber wenn Ali oder Mehmet dann eben doch schlechte Noten haben, dann liegt das in der Regel weder am deutschen Schulsystem noch an islamfeindlichen Lehrern, sondern daran, dass sie nicht die hellsten Köpfe sind oder ihnen das Elternhaus nicht die nötige Unterstützung zukommen ließ. Aber wer sich erstmal in der Opferrolle eingerichtet hat, für den sind halt grundsätzlich immer die anderen an der eigenen Misere schuld, und niemals man selbst. Erdogan selbst, der die Türkei zum ewigen Opfer feindlicher Mächte stilisiert, bestärkt seine Anhänger in dieser Opferrolle und versieht sie zugleich mit einer aggressiven Komponente. Darum ist seine Klientel so präsent und so prägend für das Bild der Türken und der Türkischstämmigen in unserem Land. Es wäre schön, wenn die Wahlberechtigten, für die Erdogan ein Graus ist, das Referendum zu seinem Ermächtigungsgesetz dazu nutzen, Flagge zu zeigen. Hier können, dürfen und sollen sie es.  
Im Gegensatz zu ihrer fernen Heimat, von der sie, warum auch immer, nicht ganz lassen können, braucht es hierzulande keinen Mut, um „Nein“ zu sagen.