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Sandkorn-Theater

 
Schlimm, aber nicht hoffnungslos > Schockmoment in der Karlsruher Kulturszene zum Saisonstart: Das Sandkorn-Theater ist insolvent. Genaues weiß man nicht. Es geht um Forderungen des Finanzamts, von einer halben Million ist die Rede und von der Aberkennung der Gemeinnützigkeit. Angehäuft über Jahre aus dem Getränkeverkauf. Dass sich hier jemand persönlich bereicherte, glaubt keiner, dass fiskalische Grundsätze großzügig überspielt wurden, scheint eher wahrscheinlich. Eine Institution der Karlsruher Theaterlandschaft, vor 61 Jahren von Siegfried Kreiner gegründet, am Abgrund. „Das darf nicht das Ende sein!“ dachten sich Mitstreiter des Sandkorn in der prekären Situation und sannen auf Hilfe. Der Schauspieler, Regisseur, Kabarettist und Autor Erik Rastetter (Foto rechts) und der Journalist und Medienunternehmer Günter Knappe (Foto links) sollen für einen Neuanfang stehen. Wenn alles gut geht … Klappe Auf unterhielt sich mit den beiden über ihr Engagement in schwieriger Mission. Der Spielbetrieb geht eingeschränkt weiter. Aktuelle Infos unter www.sandkorn-theater.de und telefonisch unter 07 21 / 84 89 84. 
 
 
Was hat Ihrer Meinung nach zum wenig schönen Ende der 61-jährigen Ära am Sandkorn-Theater geführt? 
 
Erik Rastetter: Wenn jemand wie ich an einem Haus zu Gast ist und dort auch arbeitet, könnte man meinen, der müsse alles wissen. Doch ich weiß auch nur, was man aus der Zeitung weiß, ich kenne keine harten Fakten. 
 
Als Ende August das Konkursverfahren des Sandkorn-Theaters bekannt gegeben wurde, waren Sie darauf vorbereitet, hier für einen Neuanfang zu stehen? 
 
Erik Rastetter: Von vorbereitet kann nicht die Rede sein. Wir hatten keine Ahnung, dass dies bevorstand. Der Versuch einer Rettung war vielmehr die Reflexreaktion einiger Menschen, die sagten, das kann nicht das Ende sein. Das Sandkorn hat eine lange Tradition in der Karlsruher Kulturlandschaft, die so nicht weggewischt werden darf. 
 
Was hat Sie persönlich bewogen, beim Sandkorn-Theater in die Bresche zu springen? 
 
Günter Knappe: Ich kenne das Haus noch aus den 80er Jahren als innovative Stätte, die starke Akzente setzte - als Journalist und einer, der hier die Chance hatte, tolle Dinge wie internationale Theaterfestivals mit auf den Weg zu bringen. Später ist mir das Haus als Besucher auch als Ort, an dem ich Freunde traf, ans Herz gewachsen. Als jemand, der im Bereich der Zahlen vielleicht zu helfen imstande ist, denke ich, es ist einen redlichen Versuch wert, dem Sandkorn zu einem Neuanfang zu verhelfen. 
 
In wieweit soll das Sandkorn-Theater neu aufgestellt werden? 
 
Erik Rastetter: Wir sind derzeit noch ganz am Anfang des Prozesses herauszufinden, in welche Richtung wir gehen können. Noch gibt es nicht einmal eine Auffanggesellschaft und zunächst müssen wir mit dem Insolvenzverwalter verhandeln und uns einigen. Noch kennen wir die vollständigen Zahlen nicht. Das wird erst in den kommenden Wochen passieren. Momentan können wir noch gar nicht agieren. Es ist klar, dass die alte Theaterleitung die Insolvenz zu erdulden hat. Wir stehen dann aber vor einem autarken Neuanfang. 
 
Was vor allem soll am Sandkorn-Theater gerettet werden? 
 
Erik Rastetter: Für mich ist wichtig, dass das Sandkorn abgesehen davon, dass es ein Theater ist, immer auch ein Zentrum mit einer sozialen Strahlkraft war und ist. Ein gutes Beispiel sind D!e Sp!nner!, die unbedingt eine Zukunft haben sollten. Bereits in den 80er Jahren gab es die Begegnung von professionellen Theaterleuten und Schultheatergruppen und engagierten Amateuren, es gab internationale Verflechtungen und das Sandkorn entfaltete seit je eine im besten Sinne integrierende Wirkung für die unterschiedlichsten Gruppen. Diese Aspekte und vor allem auch das Sandkorn als Ort, an dem Theater ganz praktisch erfahren werden kann, das möchte ich gerne wieder stärker nach vorne stellen. Auch ist das Sandkorn seit den 60er Jahren stets mit dem Kabarett und der Kleinkunst in all ihren Formen verbunden. Auch diesen Aspekt möchte ich neu formulieren und fokussieren. 
 
Günter Knappe: Das Sandkorn befindet sich in einer städtischen Kulturlandschaft, die zum einen durch Vielfalt geprägt ist, in der aber jeder auch seine Position besetzt. Da hat das Sandkorn durchaus seine eigene Identität, zu der nicht zuletzt auch das Kinder- und Jugendtheater gehört, das aus der Tradition des politischen Theaters kommt. Auch hier liegt eine große Chance. Neuanfang bedeutet nicht zuletzt auch den Blick auf die Ursprünge zu richten, denn Siegfried Kreiner hat in der Vergangenheit ja viele wichtige Dinge initiiert. Das macht auch die unglaubliche Solidarität deutlich, die wir gegenwärtig von so vielen Menschen erfahren. Auch wenn ich als Zahlenmensch sagen muss, dass ein „Weiter so!“ keine Option sein kann, denn in den vergangenen Jahren hat sich der Zuschauerzuspruch am Sandkorn nicht gerade positiv entwickelt. Aber auch hier stehen wir noch ganz am Anfang zu analysieren, wie sich die einzelnen Sparten entwickelt haben. Sicher ist, dass das Sandkorn nach dem Neuanfang offen für jede Art von Kooperationen sein wird. Da gibt es keinerlei Berührungsängste und es soll möglich sein, verstärkt Projekte zu ermöglichen, die anderswo so vielleicht nicht stattfinden könnten. 
 
Ab Oktober wurden die geplanten Premieren abgesagt und zunächst der Betrieb der bestehenden Inszenierungen angekündigt. Ab wann könnte es wieder die erste Neuinszenierung am Sandkorn-Theater geben? 
 
Erik Rastetter: Wenn denn alles gut ginge, könnten wir vielleicht im Dezember mit dem traditionellen Sandkorn-Kabarett in neuer Form starten. Alle weitergehenden Planungen würden erst ab 2018 zum tragen kommen, denn das Theater braucht immer einen gewissen Vorlauf. 
 
Was sind die Voraussetzungen, dass die Rettung des Sandkorn-Theaters gelingen kann? 
 
Erik Rastetter: Das ist Herzblut, ohne das bräuchten wir überhaupt nicht anzutreten. 
 
Günter Knappe: Und das andere ist das Publikum. Wenn wir es schaffen, dass die Leute wieder gerne ins Sandkorn gehen und neugierig darauf sind, wie es weitergeht, dann können wir nur gewinnen.