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Peter Kohl ist tot

 
Es fällt mir so unglaublich schwer, diese Zeilen zu schreiben und zudem noch an einer Stelle, die seit rund 30 Jahren ausschließlich für seine, von ihm selbst erschaffene Kolumne „Dr. Mabuse“ reserviert gewesen war. Peter suchte sich seine Themen immer selbst aus und kritisierte ohne auch nur einen Hauch von Verbissenheit, was für ihn im Argen lag. Nein, verbissen war er nicht, das war nicht sein Wesen. Er mochte nur keine Rechthaber, keine rechts- oder linksextremen Schreihälse, keine hohlen Sprücheklopfer. auch keine, die andere erziehen wollen, ohne Erziehungsberechtigter zu sein.  
Manche seiner Formulierungen waren schon pure Kunst, die auch sehr oft zum Schmunzeln animierten - auch dann, wenn man nicht seiner Meinung war. Es war ein Vergnügen, seine Texte zu lesen. 
Peter war ein leiser Mensch, der anderen zwar zurückhaltend begegnete, der jedoch zuhören konnte und erst nachdachte, bevor er antwortete.  
 
Ich mochte es, wenn er kaum hörbar ins Büro kam, wenn er - gelegentlich - das Genuschel von Hans Moser gekonnt immitierte, wenn er über einen aktuellen Kinofilme seine Kommentare abgab, wenn er seine Meinung über die literarischen Fähigkeiten bekannter und weniger bekannter Autoren zum Besten gab, die er sich als promovierter Literaturwissenschaftler erlauben konnte.  
 
Er war auch bei Projekten der literarischen Gesellschaft beteiligt, hielt Vorträge zum Thema Filmgeschichte am KIT, schrieb Film- und TV-Kritiken für die hiesige Tageszeitung. 
 
Bei Peter konnte man sich nie entscheiden, ob man über sein Wissen über Kino- und Fernsehfilme oder mehr über seine Literaturkenntnisse staunen sollte. Für die Klappe auf war er deshalb noch für die Film- und Literaturrubrik zuständig. Wir überlegten vor einiger Zeit, ausgewählte Dr. Mabuse-Kommentare in einem kleinen Buch herauszugeben. Es wäre ihm sicherlich ein Vergnügen gewesen, seine eigenen Kommentare zu kommentieren. Das Vergnügen wäre vermutlich ähnlich gewesen, als ich ihn bat, als zuständiger Mitarbeiter der Klappe auf, sich als Mitherausgeber des Katalogs zur Ausstellung „Literatur in Baden-Württemberg...“ doch selbst zu interviewen. Er stimmte nach einigem hin und her schließlich mit der Begründung zu, da bekäme er vielleicht die richtigen Antworten. Peter war von Grund auf bescheiden, er hatte nicht die Spur von Eitelkeit. Als er eine Woche vor seinem Tod bei mir anrief und mir mitteilte, dass er leider seine Texte nicht mehr schreiben könne, da sich sein Zustand verschlechtert habe und er ins Krankenhaus gehen wird, versprach ich ihm, ihn nach meinem Urlaub in zehn Tagen zu besuchen. Da meinte er nur, dass er vermutlich dann nicht mehr leben würde. Ich habe es als typischen Peterschen Pessimismus abgetan. Ich habe mich leider gründlich geirrt. Einen besonderen Wunsch hatte er mir vor einiger Zeit mitgeteilt:  
 
Er wollte seiner Frau Marianne und seiner Tochter Katharina nicht zumuten, sein langes Sterben begleiten zu müssen. Diese Vorstellung war ihm unerträglich. Er hoffte, dass es schnell gehen würde. Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Peter Kohl ist gerade mal 59 Jahre alt geworden, er hätte noch zwanzig und mehr Jahre auf seine Erfüllung warten können…. 
Ich mochte ihn und ich werde ihn vermissen. Und wie ! 
 
Alfred Godulla