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Unser Mord zum Sonntag (Teil I)

 
Die Krimireihe „Tatort“ ist ein Dauerbrenner, ein öffentlich-rechtliches Fernsehphänomen, das letzte telegene Lagerfeuer der Deutschen mit Ausstrahlung (buchstäblich!) in die deutschsprachige Schweiz und nach Österreich. Der Krimi am Sonntag ist fast die einzige Unterhaltungssendung, die am nächsten Morgen noch diskutiert wird, deren kritische Würdigung auf den Fernsehseiten und den Feuilletons in den Zeitungen noch Leser findet. So war der Pressewirbel auch groß, als der Dortmunder Tatort „Sturm“ nach dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt verschoben wurde. Die scheinbare Übereinstimmung zwischen trauriger Realität und reißerischer Fiktion bestand darin, dass hier wie dort Dschihadisten ihr Unwesen trieben und dabei auch noch ein LKW eine Rolle spielte, wobei es sich im Krimi um einen Kleinlaster handelte und der wurde nicht in mörderischer Absicht in eine Menschenmenge gefahren, sondern in die Luft gesprengt. Wenn schon solche Schein- und Fast-Ähnlichkeiten für eine Absetzung reichen, dann sollte man den Programmverantwortlichen die Frage stellen, warum sie nicht einfach alle Krimis aus dem Programm nehmen, denn bekanntlich geschehen jeden Tag irgendwo auf der Welt Gewaltverbrechen, könnten die Gefühle von Angehörigen und Hinterbliebenen verletzt werden. Aber dem ist ganz und gar nicht so. Im Gegenteil: Auf dem Bildschirm wird gemordet, was das Zeug hält. Wer den Fernseher einschaltet, der schreitet sehenden Auges über Leichenberge und bleibt dabei doch weitgehend ungerührt. Gleichgültig, ob der Tatort sich nun in der Eifel, an der ostfriesischen Küste, an der Ostsee, in Köln oder in Hamburg befindet, es gibt von vorneherein so etwas wie einen stillschweigenden Pakt zwischen Macher und Zuschauer, der lautet: Nimm das Ganze nicht so ernst, hier wird nur gespielt, hier fließt nur Theaterblut, die Leichen stehen wieder auf und den Mörder kann man vielleicht schon nächste Woche in der Rolle des Guten oder vielleicht sogar eines Ermittlers erleben. Dazu passt oft die vor allem im Vorabendprogramm anzutreffende augenzwinkernde, geradezu komödiantische Aufbereitung des Tatgeschehens und der Ermittlungen. Das ist Kasperletheater für Erwachsene, von dem niemand, der noch einigermaßen bei Verstand ist, annimmt, es würde dem Betrachter irgendetwas über den Zustand der Welt verraten, gesellschaftliche und politische Missstände offenbar machen. Nein, in solchen Fällen dient das appetitlich aufbereitete Morden nur dem Totschlagen der Zeit des Betrachters, der offenbar selbst mit seinem Leben, das doch eigentlich nicht mehr ist als eine nicht genau zu bestimmende Menge Zeit, nichts Besseres anzufangen weiß. Aber das wäre schon wieder ein eigenes Thema. Nur die „Tatort“-Reihe kommt in letzter Zeit immer wieder mit dem Anspruch daher, das Projekt der Aufklärung fortzuführen, den Zuschauer zu bilden, ja, zu erziehen. Der Dortmunder „Tatort“ mit dem großmächtigen Titel „Sturm“, der zu Ostern dann doch – dem Anschlag auf den BVB-Bus zum Trotz – ausgestrahlt wurde, präsentiert alle mögliche Typen von gut- und schlechtgläubigen Muslimen, am Ende bleibt ein waschechter Dschihadist übrig, der dann auch für den finalen Knalleffekt sorgt. Aber auch der ist, so wollen es die Drehbuchautoren, im Grunde das unwissende Werkzeug in der Hand eines deutschen Geschäftsmannes, der die Gotteskrieger sowie ihr Lieblingsspielzeug, den Sprengstoffgürtel, nur braucht, um seinen Vater, einen zum Islam konvertierten höheren Bankangestellten, mit aller Gewalt zu nötigen, beträchtliche Summen Schwarzgeld auf Auslandskonten zu überweisen. Seit es islamistische Anschläge gibt, ist meines Wissens noch kein einziges Mal ruchbar geworden, dass die Dschihadisten sich dabei vor den Karren eines westlichen Auftraggebers spannen ließen, der mit den Vernichtungswerk im Namen Allahs eigene weltliche Interessen verfolgte. Die Anschläge folgen nun mal nicht der Logik unseres Denkens, sie entwickeln sich in einer Sphäre der Irrationalität, zu der die Vernunft keinen Zugang hat. Wer allen Ernstes einem blutsaufenden, stets beleidigten Gott huldigt, der es einfach nicht erträgt, dass ein Teil der Menschheit nicht an ihn glaubt, der entzieht sich auch fiktionaler Darstellung, die ja nur funktionieren kann, wenn sie Interesse oder Anteilnahme erweckt. In der totalen Eindimensionalität ihres Denkens und Handelns taugen die mörderischen Islamisten nicht einmal recht als Bösewichter, sie sind das sich selbst (und andere) nichtende Nichts. Was den Krimi aber per se als Vehikel für die Darstellung dieses Phänomens und anderer gesellschaftlicher Phänomene untauglich macht, ist die Tatsache, dass er letztlich doch den altbekannten Mustern folgt, die Spannung und Kurzweil versprechen, das Präsentieren von mehreren Verdächtigen, von denen nach altem Brauch der Verdächtigste todsicher nicht der Täter ist, eine Spannungsdramaturgie, die mit Finten und Zufällen die Handlung (Täter- bzw. Wahrheitsfindung) auf ziemlich exakt neunzig Minuten streckt usw. usf. Zudem liegt der Fokus der Handlung mehr und mehr auf den Ermittlern selbst, die mit Neurosen, Macken und Problemballast oft mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als der Fall selbst. (Fortsetzung folgt!)