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Goldstadt Pforzheim feiert mit 300 Events

Von Uhren über Schmuck zu Design und Präzisionstechnik > Der Aufstieg der Stadt Pforzheim zur Goldstadt begann am 6. April 1767. In einem einstigen Waisenhaus hatte der badische Markgraf Karl-Friedrich das Privileg für eine Uhrenmanufaktur unterschrieben und damit den Grundstein für die Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie gelegt. Auch wenn diese heute nur noch einen relativ kleinen Anteil am Wirtschaftsleben der Stadt hat, ist sie doch immer noch die Keimzelle des Industriestandorts. Mit einer Fülle von Veranstaltungen feiert Karlsruhes Nachbarstadt in diesen Monaten 250 Jahre Goldstadt Pforzheim. Das Programm, das im Mai mit der zweitägigen Eröffnungsgala am 12. und 13. Mai im CongressCentrum einen ersten Höhepunkt findet, kann man im unter www.goldstadt250.de herunterladbaren Festivalmagazin durchstöbern. Klappe Auf sprach mit Gerhard Baral, dem früheren Leiter des Kulturhaus Osterfeld, der seit 2015 Gesamtkoordinator des Jubliäums ist.  
 
Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte die Pforzheimer Schmuck- und Uhrenbranche mehr als 30.000 Menschen. Heute sind es noch rund 3000. Wird Pforzheim in 50 Jahren 300 Jahre Goldstadt feiern, oder wird dieses Image angesichts des gesellschaftlichen Wandels in Pforzheim allmählich verblassen? 
 
Gerhard Baral: Wenn man bedenkt, wie viele Betriebe hier aus der Schmuckindustrie hervorgingen und heute in der Präzisions-, Medizintechnik oder der Metallverarbeitung weltweit führend sind, wird deutlich, dass man das Thema Goldstadt wunderbar in die Gegenwart übersetzen kann. Denken Sie an die Hochschule und den Fachbereich Gestaltung, an der zukunftsweisendes Design für viele Bereiche entwickelt und unterrichtet wird, oder die international ausbildende Goldschmiedeschule. Dies alles hat mit der Tradition zu tun, deren Jubiläum zu feiern ja aber nur Sinn hat, wenn man die Zukunft im Blick hat. Als Pforzheim als einer der ältesten Industriestandorte im Südwesten vor 250 Jahren ganz klein in einem Waisenhaus startete, war dies der Ausgangspunkt einer langen Entwicklung, die sich immer weiter zieht. Von daher bin ich zuversichtlich, dass man auch in 50 Jahren das 300.Jubiläum der Goldstadt feiern wird. 
 
Rund dreihundert Events an 70 Orten sind angekündigt, wie und nach welchen Gesichtspunkten wurde das Programm zusammengestellt? 
 
Baral: In einer Stadt wie Pforzheim, in der sich nicht zuletzt bedingt durch die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg die Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten zu 85 Prozent auswechselte, muss man die Geschichte ganz neu erzählen. Pforzheim hat heute 126.000 Einwohner und ist durch seine starke Geburtenrate im Durchschnitt die jüngste Stadt in Baden-Württemberg. Da war es wichtig, die Bevölkerung in der ganzen Breite anzusprechen und die Thematik in unterschiedlichsten Angeboten aufzufächern. So erhält Pforzheim durch das Jubiläumsfestival mit dem Alfons-Kern-Turm dauerhaft einen neuen Ort, an dem die Themen Design und kreative Prozesse ganzjährig präsentiert werden können.  
 
Wir haben das Technische Museum komplett reloaded und auch auf Gegenwart und Zukunft ausgerichtet. An ein breites Publikum wenden sich auch eine Reihe künstlerischer Aktionen, die im öffentlichen Raum stattfinden. In einem Pop-Up-Café kann man sich über die Aktivitäten informieren oder einfach verweilen. Aber was uns wirklich umhaut, ist nicht die Fülle der Veranstaltungen, sondern deren inhaltliche Breite, an der sich maßgeblich alle möglichen Einrichtungen und Initiativen von den Vereinen bis zu den großen Kulturträgern beteiligen. 
 
Auch wenn die Eröffnungsgala erst im Mai über die Bühne geht, sind schon eine ganze Menge Ausstellungen gestartet und erste Veranstaltungen gelaufen. Registrieren Sie in Pforzheim bei der breiten Bevölkerung so etwas wie Feierlaune? 
 
Baral: Die großen Events im öffentlichen Raum, an denen man so etwas ja am Besten ablesen kann, stehen noch aus. Aber bereits jetzt sind bei den kleineren Veranstaltungen wie Vorträgen und Ausstellungseröffnungen die Besucherzahlen außergewöhnlich hoch. Das Technische Museum ist bei der Wiedereröffnung mit 4000 Besuchern förmlich überrannt worden. Das macht Mut und zeigt, dass das Programm allmählich bei den Menschen angekommen ist. Aber über den Erfolg kann man erst im Nachhinein urteilen. 
 
Erhoffen Sie auch Publikum von außerhalb? 
 
Baral: Das hätten alle Jubiläen und Feiern gerne, aber die Erfahrung lehrt, dass das mit einem „Erstaufschlag“ kaum gelingen kann. Daher müssen wir erst einmal die eigene Bevölkerung und die Region mitnehmen und hoffen, dass sich das etwa durch die zehn geplanten Fernsehproduktionen über Pforzheim in der Folge herumspricht – auch durch die zahlreichen Printberichte. Deshalb setzen wir mit der für 2022 geplanten Ornamenta II als internationales Forum für Design, Architektur und Stadtentwicklung auf Nachhaltigkeit, die das Jubiläum fortsetzen und danach alle fünf Jahre stattfinden soll. 
 
Als Leiter des Kulturhaus Osterfeld war ihr Name jahrzehntelang mit der Soziokultur verbunden. Welche Akzente konnten Sie aus diesem Background heraus setzen? 
 
Baral: Der größte Vorteil, wenn man über so eine lange Zeit für eine Stadt und ihre Kultur gearbeitet hat, ist das Vertrauen, das man dadurch gewonnen hat. Auch durch meinen Kollegen Alexander Weber der über Jahre für Kultur und Sport zuständig war hatten wir ein gutes Netzwerk in Stadt und Region. Nur so konnte es gelingen, in so kurzer Zeit mit so wenig Personal dieses Programm auf die Beine zu stellen. Da wir die Player und Playerinnen in der Region schon so lange und gut kennen, war es möglich, mehr Sponsorengelder zu aquirieren, als die Stadt in das Jubiläum stecken muss. Das ist höchst ungewöhnlich.

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