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Amerika nach dem Eis

Mensch und Megafauna in der Neuen Welt 
 
Die Besiedlung Amerikas und die Zusammenhänge zwischen dem Auftauchen der ersten Menschen und dem Aussterben der Großtiere wie Mammut, Säbelzahnkatze und anderer Vertreter der Megafauna ist Thema der neuen Sonderausstellung im Naturkundemuseum Karlsruhe. Klappe Auf unterhielt sich kurz vor der Eröffnung mit dem Direktor Norbert Lenz
 
 
Was macht gerade Amerika zum Ende des Eiszeitalters so interessant für die Menschheitsgeschichte? In welche Zeit genau führt Ihre Ausstellung zurück? 
 
Norbert Lenz: Verblüffend ist, dass Amerika als letzter Kontinent von Menschen besiedelt wurde, wir darüber aber viel weniger wissen, als etwa über die Besiedlungsgeschichte Asiens und Australiens, wo es lange zuvor schon Menschen gab. Dieser merkwürdige Zwiespalt hat mit einem langen Forschungsstillstand zu tun, der erst in den jüngsten Jahren durch zahlreiche neue Ergebnisse aufgemischt wurde, welche verstreut über eine Sintflut von Publikationen für die Allgemeinheit noch weitgehend unzugänglich sind. Dies einmal zusammenzutragen, ist der Zweck unserer Ausstellung. Dabei beschäftigen wir uns mit dem Zeitraum von 20.000 bis 10.000 Jahren vor heute. Das ist gar nicht so lange her, wenn man bedenkt, dass wir etwa von der schwäbischen Alb Funde menschlicher Kunstwerke haben, die mehr als doppelt so alt sind. 
 
Welche neuen Ergebnisse finden sich denn und welche Bedeutung haben diese unter einem allgemeinerem Aspekt? 
 
Lenz: In der Forschung galt jahrzehntelang das Dogma, dass Amerika über die Beringstraße durch Menschen, die von Sibirien her kamen, besiedelt wurde. Jeder, der etwas anderes behauptete, wurde in der Forschergemeinschaft mundtot gemacht. Erst als die Beweise wesentlich früherer Kulturen wie der Clovis in New Mexiko nicht mehr zu bestreiten waren, wurde anerkannt, dass die Besiedelungsgeschichte Amerikas viel komplexer war als lange galt. Das bedeutet aber, dass alles, was heute darüber in den Büchern steht, eine groteske Vereinfachung ist. So wollte man sich bislang nicht vorstellen, dass die Menschen der Steinzeit weitere Wege über das Wasser zurücklegen konnten. Doch die aktuelle Forschung geht auch davon aus, dass Kreta schon vor 100.000 Jahren eine Insel und von Menschen besiedelt war. So ist dieses Thema auch für uns heute in Europa sehr spannend, weil es belegt, dass unsere Vorfahren viel mobiler waren, als wir dachten. 
 
Neben der komplexen Besiedelungsgeschichte zieht die Ausstellung auch eine Verknüpfung vom Auftauchen der Menschen mit dem Aussterben verschiedener Großtiere. Wieviele Arten zum Beispiel betraf dies und können die Zusammenhänge belegt werden? 
 
Lenz: Das betraf mehr als 50 Großtierarten wie das Wollhaarmammut oder das bis zu sechs Meter große Bodenfaultier. Oft ist es für die Paläontologen gar nicht einfach, auf dem Artenniveau klar abzugrenzen. So gab es in Amerika früher auch Löwen. Wie nah diese mit den uns bekannten Arten verwandt sind, lässt sich aufgrund der Knochenfunde nicht unbedingt feststellen, obwohl hier die DNA-Analyse neue Aufschlüsse bietet. Tatsächlich haben wir in Amerika Fundstellen, an denen wir Knochen dieser ausgestorbenen Tiere im Zusammenhang mit Steinwerkzeugen der Menschen haben, was darauf hindeutet, dass hier gejagt und Tiere, Fleisch, Leder, Sehnen und Knochen verwertet wurden. Gleichzeitig haben sich aber in jener Zeit auch das Klima verändert und die Lebensräume gewandelt. Vermutlich hat beides zusammen zum Seltenerwerden der Großtiere beigetragen. Noch am Anfang steht die Forschung im Bezug auf den Einschlag eines Himmelskörpers, der das Aussterben ebenfalls mit befördert haben könnte. Der Mensch ist nicht alleine der Übeltäter, aber er hat vermutlich seinen Teil beigetragen. 
 
Was konkret erwartet die Besucher? 
 
Lenz: In unserem kleineren Sonderausstellungsraum führen wir in das Thema von Entstehung und Ausbreitung der Menschen ein, was sich aber nicht auf Amerika beschränkt, da man nur vom allgemeinen Überblick her das Spezielle einordnen kann. Im großen Raum begeben wir uns dann auf eine Amerikareise von der Landbrücke Beringia im Norden über die verschiedenen Lebensbereiche Nordamerikas bis nach Mittel- und Südamerika. Wir präsentieren stets die Tier- und Pflanzenwelt, die die Ankömmlinge vor 15.000 Jahren vorfanden, zeigen neben Grafiken und Karten Originalobjekte aus den verschiedenen Abschnitten der Geschichte, Tierpräparate und Reproduktionen. Den Abschluss bildet das gerne als Ende der Welt bezeichnete Feuerland, das für ein trauriges Kapitel der amerikanischen Kultur steht. Bis ins 20. Jahrhundert haben hier Nachfahren der frühesten amerikanischen Bewohner ihre Nomadenkultur gepflegt, bis weiße Siedler ihnen Krankheiten einschleppten und sie ihrer Lebensgrundlagen beraubten. Mit Fotografien dokumentiert sich hier eine in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausgestorbene Kultur. 
 
Womit kann ein zeitgenössisches Naturkundemuseum heute die meiste Faszination auslösen? 
 
Lenz: Das ist immer noch das Original. Wenn wir einem Steinwerkzeug gegenüberstehen, von dem wir wissen, dass es vor Millionen Jahren benutzt wurde, kommen wir unseren Vorfahren gefühlsmäßig viel näher, als das jede noch so interaktive Computersimualtion hervorrufen könnte. 
 
 
6. April 2017 bis 28. Januar 2018, Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe, Erbprinzenstr. 13, Karlsruhe

Staatliches Museum für Naturkunde

>>Erbprinzenstr. 13
76133 Karlsruhe
 
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