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Ein Dreh im Schnee, Teil 2

Eine Kolumne von Nadine Knobloch

Bild - Ein Dreh im Schnee, Teil 2
Wir quälen uns durch den Münchner Stadtverkehr und die Uhr tickt, schließlich müssen wir pünktlich am Set sein. Während meine Mitfahrerin fluchend um jeden Meter Straße kämpft, wird mir beim Blick aus dem Fenster ganz warm ums Herz. Die Stadt erscheint schneebedeckt ganz anders als sonst, fast als hätte sich jemand die Mühe gemacht, über Nacht alles sorgfältig in feinste Zuckerwatte zu packen. Als Karlsruherin bin ich Schnee doch eher selten und wenn in Kleinstmengen, patschnass, schwer und schnell wieder weggeschmolzen gewohnt.

Endlich lichtet sich der Verkehr vor uns. Irgendwo auf der Autobahn, den Schildern mit der Aufschrift „Tegernsee“ folgend, fällt uns beiden auf, dass wir immer mehr weiß sehen, meine Mitfahrerin muss sogar kurz in der Ablage nach ihrer Sonnenbrille kramen. 
Staunend fahren wir von der Hauptstraße ab auf eine Dorfstraße, unser Ziel befindet sich am Ende eines Waldweges. Die tief verschneiten Bäume glitzern wie ein wahres Winter Wunderland, perfekt gemalt, wie in einem Disney-Märchenfilm. Wir fahren auf eine Hütte zu, wo bereits Teammitglieder eifrig umherwuseln. Der Schnee knirscht laut unter den Reifen. Ich öffne die Tür und steige aus – um umgehend im wadenhohen Schnee zu landen. Wir stapfen wie Störche durch den reichlich vorhandenen Pulverschnee und in die Hütte hinein.

Zur Begrüßung wird uns erst einmal eine Tasse frisch gebrühter Tee gereicht, irgendjemand fragt nach einer Wärmflasche. Nach einer kurzen Einweisung und der Gewissheit, dass ich noch reichlich Zeit bis zu meinem Einsatz vor der Kamera habe, gehe ich aus der mittlerweile überfüllten Hütte hinaus, um mich vorzubereiten. Wir sind irgendwo im Nirgendwo. Und es ist einfach herrlich hier. Obwohl nur ein paar Meter weiter alle aufgeregt am Arbeiten sind, Lichtstative und vor allem Kabel durch die Gegend getragen werden, ist die Stille, die dieses Fleckchen Erde ausstrahlt, einfach wunderbar. Ich laufe ein Stück weiter nach oben und entdecke unten am Hang ein Haus. Recht rustikal und fast schon klischeehaft steht es da einsam zwischen den Bäumen, aber es passt perfekt in dieses Idyll. Plötzlich ruft jemand hinter mir: „Magst du noch Tee?“ Ich rufe „Nein, danke.“ und laufe wieder zurück in Richtung Hütte.

Dort wird mir direkt ein Einweg-Overall in Weiß in die Hand gedrückt. Nachdem ich kurz überlege, ob ich damit so tarnfarbenmäßig nicht komplett im weißen Wald verschwinde, wird mir mitgeteilt, dass ich ihn sofort anziehen und gleich mit runter ans Set kommen soll, nicht erst in einer halben Stunde. Gesagt, getan. Also stapfe ich abermals im Storchenschritt den Waldweg hinunter, steige über die Kabel, die alle paar Meter liegen, bis ich bei den anderen Schauspielern angekommen bin. Dabei fällt mir auf, dass so ein Einweg-Overall extrem unflexibel ist, was meiner heutigen Kleiderwahl nicht sehr zuträglich ist.
Die „Leiche“ kommt aus der Maske und wird direkt platziert. Sie darf sich an einen Baumstamm lehnen, wo sie gefesselt wird, ein Isolierkissen wird ihr unauffällig unter den Hintern geschoben, um die gröbste Kälte abzuhalten. Da sitzt sie nun in Jeans, Kunstlederjacke und T-Shirt. Ich in meinen gefühlt 300 Schichten Stoff habe spontan Mitleid mit ihr. Da kommt auch schon die Wärmflasche an, die ihr zusammen mit einer Wolldecke gereicht wird. Einer nach dem anderen bekommt seine Position zugewiesen und wir beginnen zu drehen. Die erste Klappe fällt. Nach einer nicht ganz beendeten Szene hallt ein „Okay, DANKE! Technisches Problem!“ durch den Wald. Jeder geht wieder an seine Ausgangsposition zurück.
Einen Moment Warten. Und nochmal von vorne. Und wieder „DANKE!“. Der Regisseur eilt kurz außer Sichtweite, nur um kurz darauf direkt auf mich zuzusteuern. „Du bekommst noch die hier als Requisite“. Damit hängt er mir eine Fotokamera um den Hals und rauscht wieder ab. Panisch suche ich einen Knopf, auf den ich einen Finger legen kann und pünktlich zum „Uuund bitte!“ finde ich ihn auch. „DANKE!“ Ich warte. Keiner meckert. Gut. Die super professionelle Fotografin scheint man mir abgenommen zu haben. Puh.

Und so drehen wir Bild um Bild, die Zeit vergeht und es wird kälter und kälter. Ich spüre meine Zehen. Oder besser gesagt, ich spüre sie nicht mehr. Die Kälte hat sich durch sämtliche Lagen meines Michelin-Männchen-Looks geschlichen und bereitet mir so langsam echte Schmerzen. Und ich bin nicht die Einzige. In jeder kurzen Drehpause sieht man alle hüpfend, eifrig auf der Stelle laufend oder sich die Finger reibend im Wald verteilt stehen. 
Die Leiche hat abgedreht und wird zum Aufwärmen in die Hütte geschickt, überstrahlt das echte Blau ihrer Lippen doch mittlerweile die aufgeschminkte Farbe. Meine Zehen sind mittlerweile komplett taub, ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch welche habe.
Jetzt sind die Szenen mit Kommissarin und Kommissar dran. „Klappe und BITTE!“ Schlitternderweise rutschen beide ins Bild, nur um wild mit den Armen rudernd und mühsam um ihr Gleichgewicht bemüht genauso schnell wieder aus dem Bild hinaus zu rutschen. Also nochmal von vorne. Der zweite Versuch scheitert ebenfalls am glatten Untergrund, Frau Kommissarin landet prompt mit einem ordentlichen Bauchplatscher im Schnee. Um einen dritten Ausrutscher zu vermeiden, wird der Laufweg der beiden um etwa anderthalb Meter nach unten angepasst, wo der Waldweg flacher und weniger eisig ist. Und so drehen wir weiter, Take für Take. Irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit ertönt das erlösende „DANKE, Drehschluss!“ und wirklich jeder ist froh, dieser Wüste aus Schnee und Eis entfliehen zu können. Einziges Ziel: Rein ins Warme.

Auf dem Weg hinauf zur Hütte spüre ich plötzlich, wie der Boden unter mir glühend heiß wird. Irritiert schaue ich nach unten. Meine Zehen wehren sich gegen das stundenlange Ausharren in der Kälte. Meine Füße werden zu ihrer eigenen Wärmflasche und heizen sich innerhalb weniger Minuten komplett selbst auf. Mit schmerzenden Füßen und eingefrorenen Fingern komme ich in die Hütte, wo bereits rege Aufbruchstimmung herrscht. Ich schäle mich aus dem Einweg-Overall und sammle ebenfalls meine Sachen zusammen. Als die Dämmerung einsetzt, fahren wir vom Waldweg ab zurück in Richtung München. Wir sind erschöpft und froh darüber, dass wir ohne Stau nach Hause kommen.

In meiner Wohnung angekommen quäle ich mich aus meiner Schichtkleidung, die wie am Vorabend einen Klamottenberg produziert. Ich kuschle mich in mein warmes Bett. Mir fällt noch auf, dass der Schnee von meinem Dachfenster abgerutscht ist und den Blick auf einen sternklaren Himmel freigibt. Ein anstrengender, aber schöner Tag war das, denke ich mir noch, bevor ich einschlafe. Die Kälte spüre ich immer noch am ganzen Körper.

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