Klappeauf - Karlsruhe
Archiv: 06.2012
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Werner Skrentny: Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet

Bild - Werner Skrentny: Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet
Julius Hirsch war vor hundert Jahren einer der besten Fußballer Deutschlands. Mit seinem Heimatverein Karlsruher FV wurde er 1910 Deutscher Meister, damals war Karlsruhe noch eine wahre Fußball-Hochburg, vier Jahre später schoss er als Stürmer die SpVgg Fürth ebenfalls zum Meistertitel. Er war Nationalspieler und Olympiateilnehmer. Das alles zählte nichts mehr als die Nazis an die Macht kamen. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde das einstige Sportidol diskriminiert, drangsaliert und schließlich 1943 in Ausschwitz-Birkenau ermordet. Das Buch des Journalisten und Sporthistorikers Werner Skrentny ist weit mehr als die „Biografie eines jüdischen Fußballers“, er vermittelt einen detailgesättigten Einblick in die frühe deutsche Fußballgeschichte, in der es stellenweise noch chaotisch zuging, und der KFV unter der Leitung eines englischen Trainers mit Julius Hirsch und Gottfried Fuchs im Sturm Maßstäbe im deutschen Fußball setzte. Skrentny verfolgt auch den späteren Lebensweg von Fuchs, des Rekordtorschützen der Nationalelf (mit zehn Toren gegen Rußland), der gerade noch rechtzeitig nach Kanada emigrieren konnte. 1972 verpasste der DFB, trotz vehementer Fürsprache von Sepp Herberger, die Chance den einzigen noch lebenden jüdischen Nationalmannschaftsveteranen zu einem Länderspiel einzuladen. Zu viele Herren im DFB-Präsidium wollten nicht mit ihrer braunen Vergangenheit konfrontiert werden. Skrentnys materialreiches Buch kommt wie viele andere Bücher über den Fußball unterm Hakenkreuz recht spät, zu spät, um noch irgendeinen von den braunen alten Drecksäcken, die nach dem Krieg munter weitermachten, zu berühren. Die sind längst tot, aber das kann man nicht den Verfassern vorwerfen, den Hinterbliebenen ist es gewiss mehr als ein Trost, den einst Verfemten so gewürdigt zu sehen. Hirschs Sohn Heino hat das Karlsruher Busunternehmen Hirsch-Reisen aufgebaut, das von seinem Sohn weitergeführt wird. Hirschs Familie hat dem DFB die Einwilligung zu Stiftung eines Preises mit den Namen von Julius Hirsch gegeben, der an Menschen und Gruppen vergeben wird, die sich im Fußball gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus engagieren. -ko

> Verlag Die Werkstatt, 362 Seiten, 24,90 Euro