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Archiv: 12.2011
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Kykladen

Frühgriechische Lebenswelten

Bild - Kykladen
Für unsere Augen sind sie „modern“: abstrahierte Marmorfiguren, deren Kopf flach und eckig erscheint, deren Nase geometrisch stilisiert ist, und deren Augen und häufig rechtwinklig gebeugten Arme lediglich durch in den Stein geschnittene Linien markiert sind. Picasso war von den mehr als 4.000 Jahre alten Idolen fasziniert ebenso wie der für seine stark vereinfachten Formen berühmte Bildhauer Brancusi. Gerade das pure Weiss des Marmors, das die Skulpturen der Kykladen noch für jetzige Betrachter so heutig macht, gefiel den Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts. „Aber sie waren ursprünglich gar nicht weiß, sondern angemalt“, sagt Katharina Horst, Leiterin des Referats Archäologie im Badischen Landesmuseum (BLM) und zusammen mit Bernhard Steinmann Kuratorin der Kykladen-Ausstellung. Sie verweist auf teils deutlich sichtbare Malereispuren, an denen die Archäologie des 19.Jahrhunderts noch wenig Interesse zeigte. „Wir schauen heute genau hin“, sagt Horst. In den steinernen Menschengestalten sieht sie keine Götterfiguren, sondern Mittler, die während einer Zeremonie bemalt wurden, vielleicht an der Stelle, an der ein Mensch Schmerzen hatte, oder als Teil eines Rituals, bei dem jemand seinen Status änderte, etwa bei einer Heirat.

Anders als in der Kykladen-Ausstellung, die 1976 ebenfalls im Badischen Landesmuseum stattfand, geht es der neuen Ausstellung weniger um kunstgeschichtliche und ästhetische Fragen, um Proportionen und handwerkliche Typologien.
„Wir wollen kulturhistorisch zeigen, wie die Menschen gelebt haben“, betont Katharina Horst. Die aktuelle Schau verbindet Kunst und Kultur mit der Lebenswirklichkeit der durch Handel im östlichen Mittelmeer reich gewordenen Kykladenbewohner. Wovon haben die Menschen des dritten vorchristlichen Jahrtausends in der Inselwelt inmitten der Ägäis gelebt´ Was haben sie gegessen´ Was haben sie hergestellt´ Zu diesen Fragen bietet die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Zentrum für Altertumswissenschaften der Universität Heidelberg entstand, neueste Forschungsergebnisse als lebendige Wissenschaft.
Zu den bedeutenden Exponaten aus der Sammlung des BLM kommen wichtige Objekte aus Berlin, München, Dresden und Bonn sowie aus Oxford, Kopenhagen und Paris nach Karlsruhe. Aus Griechenland dagegen kommen keine Objekte. Der griechische Staat hat die Leihgabe an die Rückgabe einer Skulptur und einer Schale aus der Bronzezeit gekoppelt, die sich im BLM befinden. Nach Ansicht der griechischen Behörden sind die wertvollen Stücke in den 1970-er Jahren illegal nach Deutschland gebracht worden. „Aus deutscher Sicht ist dies unverständlich“, sagt Horst. Griechische Archäologen hatten zuvor eine Unterstützung der Karlsruher Ausstellung zum Beispiel durch Katalogbeiträge signalisiert. „Die Highlights haben wir ohnehin“, sagt sie und nennt als Beispiel einen fast lebensgroßen Kopf, der aus Kopenhagen ausgeliehen wird. Das BLM stellt erstmals einen der wenigen Grabkomplexe, der sonst auf zwei Museen, das Ashmolean Museum in Oxford und das Nationalmuseum in Kopenhagen, verteilt ist komplett dar. Den Einfluss der Kykladenkultur auf die Kunst des 20. Jahrhunderts führen Originalwerke unter anderem von Henry Moore, Hans Arp und Alexander Archipenko vor Augen. afr

> Badisches Landesmuseum, Schloss Karlsruhe, 17.12.-22.4., Di-Do 10-17 Uhr, Fr-So+Fei 10-18 Uhr, es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm, ein Aktionsraum ist Sa, So, an Feiertagen und in den baden-württembergischen Schulferien geöffnet.


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