Klappeauf - Karlsruhe
Archiv: 09.2013
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„Aus dem Weg Kapitalisten...“

Bild - „Aus dem Weg Kapitalisten...“
Dominik Günther inszeniert Rio Reiser - König von Deutschland
Wie bei kaum einem anderen deutschen Musiker verbinden sich Romantik und Revolution, Liebeslied und Agitprop, Bewunderung und Verachtung, Erfolg und Scheitern so sehr wie bei Rio Reiser. „Er war ein Künstler mit einer klaren Lebensvision, ein Mensch mit großem Lebenshunger, der an eine gemeinschaftliche Welt glaubte“, sagt Dominik Günther, über den „König von Deutschland“, den er in einer musikalischen Biografie in Szene setzt.
Als der Theaterregisseur 1973 zur Welt kam, hatte Reiser einige seiner wichtigsten Lieder geschrieben und mit der Band Ton Steine Scherben auf Alben wie „Keine Macht für Niemand“ veröffentlicht. Dass Reiser seinen Traum mit großem Ernst verfolgte, aber an den Widersprüchen seiner Umwelt scheiterte, findet Günther spannend. In einer musikalischen Biografie von Heiner Kondschak kommt die Geschichte der deutschen Rock-Ikone auf die Bühne des Badischen Staatstheaters und soll den Erfolg des Bob-Dylan-Abend fortsetzen.
Hatten sich Reiser und die Scherben von der politischen 68er-Generation, von APO, Hausbesetzern und den Grünen vereinnahmt aus falsch verstandener Solidarität naiv in den wirtschaftlichen Ruin treiben lassen, so war Reiser auf Solopfad der kommerzielle Erfolg vielfach verübelt worden. Aus dem Sänger der hemmungslosen, rebellischen und radikalen Scherbentexte war Mitte der 80er Rio I., der „König von Deutschland“ geworden.
Rio war sich und seinen Überzeugungen treu geblieben, aber letztlich an den eigenen Ansprüchen, den Selbstzweifeln und dem Alkohol gescheitert. „Nehmt mir die Krone ab, die mich erdrückt, nehmt mir die Krone weg, nehmt sie zurück“, sang er auf seiner letzten Platte, ehe er am 20. August 1996 im Alter von 46 Jahren starb. Seine Lieder überlebten ihn, er war Einfluss für Neue Deutsche Welle und den Punk, und auch heute nennen zahlreiche deutschsprachige Bands Reiser als Vorbild und covern Lieder wie „Junimond“ oder „Für immer und Dich“. Doch das Publikum von Echt, Fettes Brot, Wir sind Helden oder Söhne Mannheims weiß oft nicht, wer der Urheber dieser Klassiker ist.

„Ich finde es erschreckend, wie jemand mit einer solchen Strahlkraft droht, in Vergessenheit zu geraten“, sagt Günther, der in Karlsruhe mit einer Riege musizierender Schauspieler um Jan Andreesen in der Rolle des Sängers die Biografie Reisers für ein breites Publikum aufbereitet. Dass es keine Aufteilung in Musiker und Schauspieler gibt, ist ihm wichtig, um Lieder und Spielszenen zu einer spannenden Einheit werden zu lassen. Unterstützt wird er von Jörg Wockenfuß, dem einzigen Profimusiker der Produktion. Mit eigenen Arrangements unterstreicht dieser dramaturgische Wirkung und Zeitlosigkeit von Reisers Liedern.
Dass dabei auch Zeilen wie „Aus dem Weg Kapitalisten, die nächste Schlacht gewinnen wir“ gesungen werden, illustriert für ihn zunächst die zeithistorische Dimension dieser Lieder. Die Grundthemen wie Ungerechtigkeit, Wohnungsnot, Missbrauch polizeilicher Gewalt und der Reichtum von Wenigen auf Kosten der Vielen sind für ihn auch heute von höchster Brisanz, nicht nur, wenn man nach Ägypten oder Tunesien schaut. So verbindet „Rio“ auf unterhaltsame und berührende Weise Zeitgeschichte der 70er und 80er Jahre mit der vielschichtigen Biografie einer faszinierenden Gestalt und der stets aktuell bleibenden Aufforderung, sich nicht einfach abzufinden. Und nicht zuletzt rockt es kräftig das
Haus, in dem ansonsten eher Wagner und Verdi geschmettert werden.


>Badisches Staatstheater, Baumeisterstr. 11, Karlsruhe – Voruraufführung Fr 27.September 2013 um 20 Uhr, Premiere Sa 28. September 2013 um 19 Uhr,

Badisches Staatstheater

Hermann-Levi-Platz 1

76137 Karlsruhe

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